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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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werden. Sie erzählt vom Leiden, von der Notwendigkeit des Schmerzes, der das Leben erst zum Ganzen macht, vom Sterben, das zur Geburt wird, vom Auferstehen, wenn der Mensch zweck­erfüllt gelebt.

So will ich ermahnen? Wieder Mut einflößen? Und bin selbst nicht imstande, Mut in mit zu entfachen? Wie tief fällst du selbst in einer Stunde, und du willst mit Vorwürfen überschütten?

Ja, halt Einkehr, Menschheit, lausch deinen Tiefen, glaub an das Wort, das dich, Sünd'ge, stets mahnt! Lausche und glaube! Tröste sie, die dich vergessen, nicht verstanden haben, und damit dich selbst!

Am folgenden Samstag arbeitete ich schon seit Mittag an meinen Konzeptionen. Abend wurde es wieder. Stiller Nebel um­hüllte die Fluren. Die Nacht schlich leise und heilend in und um jedes Heim. Der Mond durchbrach den Schleier und leuchtete mit seinem Laternchen in jedes glückliche Gesicht, in jeden Hof, in jedes lauschende Herz. So strich er auch mit seinem Silberbart über mein Notenpapier. Unter dem Herrgott im Winkel zündete ich mir ein Lichtlein an. Ich ließ ihn erzählen und lauschte seinen Worten.

,, Sie haben meine Hände und Füße durchbohret und alle meine Gebeine gezählet. Ein Wurm bin ich geworden, kein Mensch mehr, der Leute Spott und die Verachtung des ganzen Volkes, solang der Odem sie beglücken wird.

Meine Zunge klebt am Gaumen, es siedet das Blut in meinen Adern, Todesschmerzen umdräuen mich.

Mich dürstet, und keiner, der mir Labung böte! Alle, die

mein Antlitz schauen, spotten mein."

Mitten im Redener erzählte in göttlicher Mildestand vor mir eine ältere, stattliche Dame. Mütterliche Züge, große, dunkle Augen leuchteten aus ihrem Gesicht.

,, Selmo?"

Ja".

,, Gott sei Dank, daß ich Sie treffe. Es war schon lange mein Wunsch."

,, Auf ihren Brief, Selmo, der mich sehr hart berührte, mußte ich kommen!"

Jetzt erst wußte ich, daß ich es mit der Mutter meiner Aller­liebsten zu tun hatte.

Es war meine zweite Begegnung im Leben mit einem Men­schen! Innerlich und äußerlich nur Mensch! Die Mutter in tiefster Reife, mit weitem Blickvermögen. Man hatte, wenn man so Aug' in Aug' die Worte tauschte, das Gefühl, das pochende Herz eines Menschen in Händen zu halten. Eines, das man geöffnet vor sich liegen hat. Offen wie ein aufgeschlagenes Buch! Ja, sie allein hatte schon damals für uns beide Gefühle aufgebracht, damals, als wir uns trotz unserer Nähe fern wie ein Planet dem anderen waren.

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