wispernden Blätter in göttlichsten Farben flogen in mein durchnäßtes Angesicht.
Ich war müde. Ich lehnte mich an einen Baum und sann erst einmal geraume Zeit. Noch einmal ließ ich meinen Weg vorüberziehen, dann raffte ich mich langsam auf und ging mit gesenktem Haupt weiter.
Immer wieder hörte ich Kommandostimmen. Die Fratzen meiner gestorbenen Kameraden, die mich täglich und nächtlich begleiteten, gingen auch hier, auf diesem einsamen Freiheitsweg, mit mir im gleichen Schritt und Tritt. Ich glaubte, wahnsinnig zu werden, und es kostete viel Mühe und Energie, bis ich mich langsam an Freiheit und an den irdischen Zauberacker gewöhnen konnte.
Bald stand ich im Bahnhof Oranienburg . Auch hier dauerte es eine Zeit, bis ich mich entschlossen hatte, mit meinen Ausweispapieren die Fahrkarte am Schalter abzuholen. Als ich die Zettel wortlos durch den Schalter schob, guckte das diensthabende Fräulein mich an. Es reichte mir eine Schachtel Zigaretten und die Fahrkarte. Nun trat ich mit der S- Bahn die Fahrt nach dem Berliner Anhalter Bahnhof an. Nur mit Mühe konnte ich mich über die Stufen des Waggons arbeiten, da mir die Kräfte fehlten. Im Zug setzte ich mich nicht, wie alle anderen Fahrgäste, nieder. Ich blieb am Fenster stehen und freute mich über die Natur.
Am 4. November, morgens 5 Uhr, rollte mein Zug in den Wiener Westbahnhof ein.
Die Stadt war mir fremd geworden. Alles Treiben war mir widerlich. Seit meinem Abschied von der Heimat hatte mein Österreich seinen Charakter vollkommen verloren und ich fühlte mich zuerst wie im Ausland. Überall gab es nur Hasten und militärisches Treiben und in jedem österreichischen Gesicht sah man Unzufriedenheit.
Um 1 Uhr mittags fuhr mein Zug vom Wiener Südbahnhof nach Graz . Kaum war ich eingestiegen, kam der Schaffner. Er beglotzte mich, nachdem er meine Karte gesehen, rief mich zur Seite und fragte, ob ich aus einem Konzentrationslager käme. Als ich bejahte, nahm er mich bei der Hand und führte mich in ein Zweite- Klasse- Abteil, wo er mir einige Zigaretten und ein Stück Jausenbrot reichte. Es war das erste Essen, das ich seit meiner Entlassung empfing. Ich weinte. Nicht aus Freude! Mich würgten der Hunger und die Tatsache, daß ein fremder Mensch mir ein Stück Brot reichen mußte. Übern Semmering und durchs Mürztal schnaufte der Zug meiner Heimatstadt zu. Um 12 8 Uhr abends rollte er im Grazer Hauptbahnhof ein.
Erst fürchtete ich mich, weil ich glaubte, daß man mich hier abermals von der Gestapo festnehmen lassen würde. Ich schob mich daher mitten unter die Menschenmassen und ließ mich dem Ausgang zutreiben.
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