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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
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Nun stand ich da, an der Schwelle meiner Heimatstadt, an der ersten Stufe meines wieder beginnenden ungewissen Lebens- weges. Vor mir lag die Nacht. Fremd war das Gesicht meiner Heimatstadt und meine Pulse schlugen wie Hämmer auf härtesten Stahl.

Ich steh vor nichts, gleich wie ich angefangen,

Die Welt gab mir das Nichts als Hab zum Pilgern mit. Mein Trost blieb es und war bis hierher mitgegangen, Das Nichts dem Nichts in einem Kettenglied!

O Welt, du weißt genau, was du mir damit hast gegeben, Ich fluche nie, mir tatst du damit recht,

Hätt ich statt Nichts ein goldbedachtes Leben,

Ich könnt nie werden, ich wär zu dem zu schlecht!

So bin gezwungen ich, aus allem Nichts doch zu erstehen, Und wurde wie der Stein, der aller Welt ein Wert.

Das Nichts wird bald zum Zwecke sich erheben,

Weil es dazu gezwungen wie in der Faust das Schwert!

Nun steh ich da vor meiner Heimat Tore, Verfolgt, gehaßt wie all das Nichts der Welt. In meinen Augen stehet ewig nur die Träne, Vor meinen Füßen das geleerte Feld!

Der Hunger schwächte die Sehkraft meiner Augen, ich irrte hastig durch die Stadt, gleich einem Narren. Fremd waren Menschen und Gemäuer, alles, was war.

Angstvoll tastete ich mich vom Bahnhof zur Straßenbahn. Geplagt von Schmerzen, verfolgt von Sorge um die Meinen.

Was werden sie mir alles erzählen? Wo mochte mein Lieb in diesen Stunden sein?

Erst wollte ich den Straßenbahnwagen nicht besteigen. Noch warten, dachte ich.

Ich sah Leute, die ich als Kinder gekannt, nun als Frauen und Männer. Gott sei Dank, sie alle kannten mich nicht mehr, die einst ein Stück meiner Welt gewesen.

Sie sind mir fremd. Plötzlich steht neben mir ein Kind. Wer bist du? Du bist schon so groß wie ich und hast Augen wie ich. Wer magst du sein? Meine Brust dehnt sich vor Schmerz und Freude. Du bist zu groß, um mein Kind zu sein. Du trägst aber die Locken nußbraun wie dieses. Ein Unglück trennte mich von dir seit deiner Geburt. Ich sah dich zwölf Jahre nicht. Du lagst noch in deiner Wiege, als ich von dir in aller Stille Abschied nahm. Ich küßte deine weichen Wangen. Wie heute strahlte dein Augenstern. Du

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