Der Scheinwerferkegel wich von meiner Stelle ab. Ich hatte wieder Orientierung, stand auf und ging meiner Baracke, Revier 1, zu, wo ich mich in mein Zimmer begab.
Im Zimmer waren viele Kameraden anwesend, die mir erklärten, daß ich morgen entlassen werden sollte. Sie hätten das gehört. Erst glaubte ich an einen Spaß, doch dann erinnerte ich mich, daß mir vor einigen Wochen Franz, der Schriftsteller, eine Beobachtung erzählt hatte. Auf dem Tisch seines Kommandoführers, der Entlassungen und Aufnahmen durchführte, hatte er eine mich betreffende Anfrage des Hauptamtes Berlin gesehen.
Der damalige Lagerälteste, Fritz Horn, ein alter Haudegen und österreichischer Offizier, erhielt vom Lagerkommandanten Weisung, vom Capo der Bekleidungskammer die Zivilkleider der am nächsten Tag Abgehenden herrichten zu lassen. Jetzt hatten wir die Sicherheit, daß meine Entlassung bevorstand. Allerdings konnte es auch etwas anderes sein. Erstens bekam man Zivilkleider, wenn man auf Transport in andere Lager ging oder den Gerichten zur Verurteilung überstellt wurde, zweitens konnte man im Zivil auch zur Erschießungsstätte wandern, wo man die Himmelfahrt billig antreten durfte! Auf alle Fälle wurde mein Fagottkasten hervorgeholt und die Auspolsterung losgerissen, worauf ich sämtliche Adressen meiner Kameraden, deren Frauen ich zu verständigen hatte, wie die Reste meiner Partituren dahinter versteckte und das Futter wieder anklebte. Jeder Besucher hatte nun die Hände voll zu tun. Die Mütze wurde ausgetauscht, einer hatte eine schlechte und meine war gut, der andere hatte eine unmögliche Bluse, die er gegen meine tauschte und so waren wir vollauf beschäftigt.
Bald stand ich im schäbigsten Lumpenkleid inmitten meiner Kameraden und wir hielten vorsichtig und leise unseren Abschiedsabend. Ich mußte ihnen leise noch einige Stücke auf der Geige vorspielen und meinen Weg durch diesen Jammer schildern. Es gab viel Lustiges, aber auch Trauriges zu erzählen und man freute sich wie ein kleines Kind, wenn man die Erinnerungen in letzter Minute austauschen konnte. Damals ging ich nicht mehr zu Bett. Nach der Verabschiedung- es war inzwischen 12 Uhr geworden- schlich ich zu meinen toten Kameraden in den Leichenkeller, wo ich den Rest dieser Nacht verbrachte. Ich ging schwer, da ich mit ihnen wie mit meinen Kameraden eng verbunden war und mir ein Leben in der Freiheit gar nicht mehr vorstellen konnte. Auch war ich zur Zeit ruhrkrank und hätte lieber hinter dem Stacheldraht mein Leben beendet.
Am frühen Morgen, es war der 2. November 1942, wurde ich noch vor dem Appell zum Jourhaus befohlen, wo ich an der linken Seite des Tores Aufstellung nahm. Es war ein regnerischer Tag und der Himmel schüttete sein Wasser über mich. Stundenlang blieb ich dort stehen. Ich verzweifelte beinahe, denn sämtliche
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