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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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eine volle Blechmusik und für ein großes Streichorchester bei- sammen. Noch zwei Monate brauchten wir, um zu proben. Nach dieser Zeit führten wir in einer Baracke, die uns ebenfalls zur Ver- fügung gestellt wurde, schöne Konzerte auf. Es fehlte uns ja nicht an Künstlern, da auch Opernkräfte aus aller Herren Ländern mit- wirkten. Das letztemal war es das Viotti-Konzert 23 gewesen, das ich mit dem Orchester aufführte. Diesmal waren wir bereits weiter, so daß wir sogar mit Einaktern, Trompetensoli usw. aufwarten konnten. Ich selbst hatte die Rolle eines Musik-Clowns zu spielen, der völlig unmusikalisch war und am Schluß das Viotti-Konzert aus einer Spielgeige hervorzauberte. Unter den Gästen hatten wir natürlich auch SS, die Lagerärzte, den Kommandanten und Lager- führer. Wir schufen damit eine Brücke zwischen Häftlingen und ihren Massenmördern.

So konnten wir viel Unglück und Willkür verhüten, die sie für uns bereit hatten. Außerdem freute sich jeder Häftling die ganze Woche auf den kommenden Sonntag, der ihm für die folgende Woche eine seelische Stärkung war. Es wurde auch kritisiert. Die eingesperrten Zeitungsmenschen und Kritiker ließen die Künstler zu sich kommen und warfen ihnen das Schlechte wie das Gute offenherzig vor, so daß eine Steigerung der Leistung erzielt wurde. Gerne ging ich zu den Proben, die mich aus den Verzweiflungen des ganzen Tages rissen und das mich verfolgende Bild der Toten,°» die mich auch in der Freizeit mit grinsenden Fratzen anstarrten, verblassen ließen.

Wir übten jetzt das Paganini -Konzert mit Orchester ein, das wir zu Weihnachten 1942 aufführen wollten. Es war der 1. November, ein Samstag. Da probte ich das letztemal. Als ich in meine Baracke zurückgehen wollte, fand ich den Weg nicht mehr. Ich war durch die A-Vitaminose nachtblind geworden und sah keinen Schritt weit.

Ich tastete einmal links, einmal rechts. Der gewohnte Gang war

mir diesmal fremd. Ich fühlte unbekannten Boden unter mir und arbeitete mich vorsichtig weiter. Es war dort sehr gefährlich. Unweit von der Probebaracke war eine Ecke des geladenen Stachel- drahtes und hatte man den Weg nicht gefunden, um rechtzeitig rechts auf den Appellplatz abzubiegen, bestand die Gefahr, in den Stacheldraht zu rennen. Auf einmal hatte ich erhöhten Boden unter meinen Füßen und beim nächsten Schritt fühlte ich, daß ich an den Vordraht des elektrischen Netzes stieß, der ja noch nicht geladen war. Nun kehrte ich schnell um, aber in diesem Moment blitzte hinter mir schon der Scheinwerfer auf, der fallweise die Grenzen des Lagers ableuchtete.

Ich legte mich sofort nieder und streckte mich in dem kleinen Hohlweg vor dem Stacheldraht aus, weil ich genau wußte, daß im nächsten Moment geschossen werden konnte. Durch diese Geistes- gegenwart erhielt ich mein Leben.

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