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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Gestapo zur Verzweiflung gebracht oder durch ein Erlebnis fast verrückt geworden waren. Meist waren es Menschen, die der In- telligenz angehörten, hohe Parteifunktionäre, die sich gegen einen Befehl Hitlers gestellt hatten oder Menschen, die aus irgendeinem Grund der Partei im Weg waren. Sie mußten sich nackt ausziehen und wurden dann in die Vergasungsbaracke geschickt, wo das Z-Kommando die inzwischen Vergasten nach kurzer Zeit wieder wegräumen mußte.

Ob Mann oder Frau, Kind oder Großvater alle wurden in einen Raum zusammengepfercht, in dem zu sterben sie verurteilt waren. Was sich in diesen Räumen abspielte, kann jeder ermessen!

Viele wußten ja doch schon, was mit ihnen geschehen sollte, und

gaben daher Bilder des Grauens und der Verzweiflung ab. Selbst- verständlich waren auch wirkliche Narren darunter, die einerseits iustige, anderseits unaussprechlich furchtbare Szenen aufführten. Einige hohe Parteifunktionäre, darunter auch Offiziere der deut- schen Wehrmacht, wurden nicht verbrannt. Ihre Leichen mußten gewaschen und rasiert werden. Die Kopfeinschüsse wurden verklebt und gepudert und dann brachte man die Leichen in eine Aufbah- rungshalle, die vom Besichtigungsraum, von dem aus die Ange- hörigen ihren aufgebahrten Verblichenen ansehen konnten, durch eine Glaswand getrennt war.

Oft holte ich mit einigen Kameraden einen versperrten Sarg aus der unterirdischen Erschießungshalle und gab dem völlig zer- schossenen Schädel wieder eine annehmbare Form. Bei Geköpften wurde der Körper nicht mit aufgebahrt, sondern nur mit Papier unter der Leichendecke angedeutet. Viele solche Hingerichtete wurden dann einige Tage später:in Berlin mit hohen Ehren zu Grabe getragen.

Angesichts dieser Tatsache und zahlloser Grausamkeiten, die ich aus Gründen der Menschlichkeit nicht schildern will und auch nicht in der Lage bin, jemals zu Papier zu bringen, um nicht un- sinnige Rachelust zu entfesseln, bat ich den zweiten Lagerarzt, Frohwein, gegen diese im Lager hausende Verbrecherwelt aufzu- treten und die Übergriffe, die immer mehr und mehr Opfer kosteten, abzustellen.

Ich führte diesen Dr. Frohwein in alle mir bekannten Schlupf- winkel dieser Verbrecherbanden, wo er sich von der menschen- unwürdigen Gemeinheit und den grenzenlosen Verbrechen, die vielen das schrecklichste Ende brachten, überzeugen konnte. Er schenkte mir diesmal um so eher stundenlang Gehör, als er von dem Besuch im Z-Kommando totenblaß und vollkommen zusammen- gebrochen zurückgekehrt war. Was draußen direkt und bewußt angerichtet wurde, war im Lager indirekt durch diese organisierte Clique verbrochen worden. Die Opfer, die draußen haufenweise herumlagen, wurden im Lager durch infame Verbrecherscheinheilig-

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