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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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dieselben ein. Keinem von uns fiel dabei auf, daß wir doch die Leiche beschmiert hatten. Der Professor fand den Notensatz aus­gezeichnet und äußerte den Wunsch, ihn einmal auf der Geige zu hören.

Da die Leiche fertig seziert war, wurden ihre Organe wieder in den Leib gesteckt, der zugenäht und in den Keller gebracht wurde. Ich hatte seit Mittag meine Geige versteckt gehalten, um sie am Abend zur Probe gleich bei der Hand zu haben. Als nun der ungeduldige Kamerad den Satz für sich wiederholte, dabei die herumliegenden Toten anglotzte und außerdem die Intervalle falsch summte, packte mich die Wut. Ich holte aus der Ecke hinter den Särgen die versteckte Geige und spielte ihm das Adagio vor, indem ich mich der Noten bediente, die ich dem Toten auf den Ober­schenkel gezeichnet hatte. Freilich blieb es nicht bei dem Adagio, sondern es ging weit darüber hinaus. Ich ließ meiner Phantasie freien Lauf und spielte wie ein Wahnsinniger. Der Professor saß auf einem Sarg in dunklem Winkel. Um ihn und mich lagen die nackten Toten kreuz und quer. Gegenüber erhob sich ein Haufen aufge­schlichteter Leichen und eine davon, die wohl heruntergerutscht sein dürfte, lehnte wie schlummernd an dem Haufen. Dorthin starrte der träumende Musikus.

Mein Spiel dürfte draußen vernommen worden sein. Etwa zwölf Fahrer, die gerade vorher 70 Leichen ins Krematorium geführt hatten, standen da und dort im Leichenkeller und horchten aufmerk­

sam zu.

Dieses seltene Konzert wiederholte sich öfter. Dort probte ich auch meine Soli für Geige und Orchester und jedesmal gab es ein­geschlichene Gäste, die mir wohl daher den furchtbaren Namen ,, Der Totengeiger" gegeben hatten.

Mag es für alle Welt ein Rätsel sein, mag auch behauptet wer­den, man könne in solcher Umgebung nicht spielen, ich muß gerade das Gegenteil sagen. Nirgends auf der Erde gab es einen Platz, der mir auch nur annähernd diese Inspirationen gebar, wie gerade dieser.

Diese Vervollkommnung des Leidens, die in die Züge der Ge­schiedenen eingemeißelt war, erschütterte nicht nur meine Jugend, sie entzündete auch das Feuer und die Schmerzenstiefe meiner Symphonie in Es und As.

Das symphonisch- oratorische Werk, das weder ein Oratorium noch eine Symphonie darstellt, kann von mir selbst nur als Bekennt­nis bezeichnet werden. Das heißt, mein Inneres bekennt sich zu aller Welt und ruft seinen vergrabenen Schmerz in alle Räume des Himmels und der Erde. Der Mensch vermag nur einen begrenzten Teil des aufgebürdeten Leids zu ertragen. Wenn diese Grenzen über­schritten werden, spricht nicht mehr er, sondern seine Tiefe, nicht mehr sein Gefühl, sondern die Verzweiflung.

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