Druckschrift 
Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
155
Einzelbild herunterladen

IF

Willi, mein Lehrer, war eines Morgens entlassen worden. Draußen prangte der Mai, Blümchen hoben ihre Hälschen himmel- wärts. Jeder Schritt, den ich unter ihren lieblichen Häuptern tat, entfachte tiefstes Heimweh, unsagbare Sehnsucht nach der Freiheit, nach Heimat und Vaterhaus, nach Geschwistern und Liebsten. Kaum aber war mir dieses Werden um mich vergönnt. Ganz kurze Stun- den, ja oft nur Minuten, blieben mir und meinem Kameraden, einem Professor der Berliner Universität, übrig, dann ging es wieder in die Tiefen des Grauens, in die Welt der Vergänglichkeit, in die Gruft, in der meine starren Brüder geduldig warteten. Nur er, der Kompo- nist und Professor, dessen geistiger Horizont sich weit über den Alltagsmenschen spannte, blieb mit einigen anderen mein treuer Kamerad. Alles andere flüchtete vor mir, dem Leichenschneider, dem Totengeiger, wie sie mich nun zu nennen pflegten.

lotengeiger, flüsterte einer dem anderen ins Ohr, wenn ich mit einer Leiche in der Tiefe der Pathologie verschwand.

Der zweite dürfte nicht recht verstanden oder den Namen eigenartig gefunden haben, weil er den Sprecher fragte:Wie sagtest du eben?"

Totengeiger!

Als sie bemerkten, daß ich das Gespräch gehört haben mußte, entflohen sie still und eilig meinen Augen. Mich fröstelte am ganzen Körper. Als ich wieder in den Leichenkeller. kam, setzte ich mich auf einen Sarg und grübelte nach.

Warum Totengeiger? Plötzlich fiel mir ein, daß ich vor eini- gen Tagen meine Komposition auf der Geige im Leichenkeller probiert und außer den starren Grinsern auch noch viele lebende Gäste gehabt hatte.

Eine Stunde vor dem Totenkonzert sezierte ich einige Leichen und der Professor schaute mir zu. Auf einmal fragte er nach meiner neuen Symphonie, wie weit ich bereits gekommen sei und wie es mir dabei gehe.

Adagio!', antwortete ich, während ich krampfhaft das stumme Herz des Toten in meiner warmen Linken hielt.Insuffizienz und Hungertyphus war damals diagnostiziert worden. Meine Augen starrten durch das geöffnete Fenster gegen den Himmel. Ewige Stille umgab uns beide, nur einige große Fliegen surrten über den

auf dem Boden liegenden Entseelten.

Das Adagio, Herr Professor, dürfte gut werden, fuhr ich fort, indem ich das Herz des Bruders auf die eingefallene Bauchhöhle legte.

:Du teilst meinen Genius' bei diesem Satz blieb ich stehen. Als ich dem Professor das Wort Genius tonmäßig erklärte und trotz Vorsingen und Vorpfeifen nicht klar genug explizieren konnte, ergriff ich den hinter mir liegenden Tintenstift, zeichnete die fünf Linien auf den Oberschenkel der Leiche und setzte die Noten in

155