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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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UM N

Hau ab, und laß dich vor mir nirgends mehr blicken! Hast du mich verstanden?

Jawohl!

Kaum hatte ich zum Abhauen eine Vierteldrehung gemacht, schlug der Feigling mir mit der Peitsche ins Gesicht. Tränen im Auge, von höllischer Wut gehetzt, rannte ich über den Appell- platz in mein Zimmer Nr. 13. Nicht der Schmerz allein war es, der mir die Tränen aus den Augen holte, o nein, Schläge waren wir längst gewöhnt, wir waren abgehärtet, unempfindlich gegen solche Streiche. Aber unsere Ehre, unser Herz und Stolz waren dadurch empfindlich in den Schmutz gezerrt. Sich von einer arbeitsscheuen, unmöglichen, keine Lebensberechtigung aufweisen- den, uniformierten, unheimlichen Lumpenkreatur schlagen zu lassen und sich nicht wehren zu dürfen, das war furchtbar für unsere Ehre.:

Von der Unmenschlichkeit dieser Tyrannei gehetzt, raste ich im Zimmer auf und ab. Am liebsten wäre ich, einem Amokläufer gleich, durch das Fenster in den geladenen Stacheldraht gerannt. Weg, weg von dieser Menschheit! Anderseits konnte dieses Elend doch nicht ewig andauern. Alles nimmt ein Ende, jedes Drama hat seinen Schluß. Kopf hoch, Gedrückter, Augen auf, Vergrämter! mahnte die innere Stimme. Du weißt selbst gar gut, wie schnell man nach einem kleinen seelischen Riß verkommen, innerlich zu- sammenbrechen und schließlich ins Gras beißen kann. Geh heim!

Was? Sehe ich recht, oder bin ich ein Narr? Ein Brief? Auf meinem Tisch ein Brief?

Elfriede, du! Du kommst nun wirklich wieder zu mir? Du du fühlst mein Herz noch? Himmel, bist du das Sprachrohr meiner Liebe, meiner Tiefe? Vernimmst du, ewige, unerreichbare Weite, meinen Ruf, mein Leiden, mein langsames Absterben? Ein Brief von Elfi?

Zitternd öffne ich den Umschlag. Vielleicht ist es die endgültige Absage? Nein! Sie hält noch immer! Sie liebte mich also doch!

Schreib doch endlich!

So klingt ihr Brieflein aus.

Du fandest also noch keinen richtigen Lebenskameraden! Man merkt aus deinen Zeilen, deine Worte sind gestammelt, sind gesucht und kaum gefunden worden. Arm bist du! In einem Netz verfingst du dich und ein Bettler will sich dir nähern. Leider bringt er dich, Opfer, aus dieser festgesponnenen Liebe nicht heraus. Arm und hilflos irrst du darin, gleich einem wilden Tier, das sich aus dem Käfig retten will. Es ist umsonst was der Himmel wob, bricht der Mensch nicht mehr. Nun hast du mich wieder zur rechten Zeit erreicht. Mein Leben bebt in Zorn und Überdrüssigkeit. Die Ehre zerfetzt, das Fleisch genommen, so finden deine Worte mich. So willst du mich nun trösten.

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