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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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noch imstande ist, sich zu verkriechen, tut es. Der andere hin- gegen sucht in der erbarmungslosen Verbrecherlarve Mitleid zu erwecken. Oft, wenn ich ein Stück Brot in den Mund nehme und dabei vergesse, daß hier so viele Augen sehnlichst danach schauen, treten mir Tränen aus den Augen. Ich gehe hinaus und speie das gekaute Stückchen in den Sand. Wer kann neben diesen Menschen noch einen Bissen hinunterwürgen? Kein Mensch mehr, nur Tiere!

Inzwischen kamen wir in eine zweite Baracke, in den soge- nannten Isolierblock. Dort waren in einem Saal 300 Fleckfieber- kranke auf Holzwolle auf dem Boden gebettet. Zwei Posten patrouil- lierten vor ihnen mit meist schußbereiten Gewehren. An der Tür war ein Plakat angebracht, das in russischer und deutscher Sprache das Eintreten wegen Fleckfieberkranken verbot. Wir aber traten ein. Hier lagen sie in Massen, ohne rechte Hilfe, Tote und Lebende, durcheinander. Viele von ihnen waren bereits irrsinnig und war- teten auf die Erlösung bringende Injektion, die sie ins Jenseits befördern sollte. Von den schon Verblichenen waren Dutzende bereits von ihren eigenen Kameraden angefressen. Stücke waren aus den Leibern gebissen, Hautfetzen neben den Blutenden bewiesen den nicht zu beschreibenden Hunger der Verbannten.

Der Arzt und sein Arbeitskommando ließen fast jeden Tag zwei bis drei Eßkübel aus der Küche verschwinden. Sie transportierten diese geheim in das Revier und verteilten dann den Inhalt an ihre Sorgenkinder. Wehe, wenn man dahintergekommen wäre, es hätte jedem von diesem Arbeitskommando das Leben gekostet. Was half das alles? Nichts war es für diese sterbenden Menschen! Sie waren zum Sterben verurteilt, zu Tode gequält. Tief erschüttert, vergrämt und meiner eigenen Haut überdrüssig, verließ ich das Revier. Noch ehe ich das Tor hinter mir zufallen ließ, drehte ich mich um und grüßte das Spalier der Leichen. Da stand er schon, der Posten mit der Hundepeitsche, der unser Kommen bereits vernommen haben mußte.

Häftling Nr. 39.123 vom Revierarzt des Russenlagers zurück!, schrie ich dem vom Verbrechen Gezeichneten ins Gesicht.;

Was hast du eingesteckt, dämliches Schw£in?, fragte er mich, dabei mit der Peitsche in meinen Hosentaschen herumwühlend. Es war ja eigentlich verboten, offene Säcke zu besitzen, dieselben muß- ten zugenäht sein.

Nichts, Herr Scharführer!, antwortete ich,

Was heißt nichts,-blöder Hund!, fuhr er mich an. Ich schwieg, während er mich weiter abtastete. Als er nichts bei mir fand, ließ er mich einige Zeit stehen und spazierte pfeifend vor mir auf und ab. Wieder auf mich zukommend, grollte er mich weiter an:

Vertrotteltes Katholikenschwein, bist Ostmärker, was?" Jawohl, Herr Blockführer!