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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Mit diesen Worten strich er dem Nächsten zart übers Haar. Ein leises Schmunzeln überzog ihr Gesicht, als hätten sie verstanden und wären erfreut gewesen, daß sie zum ,, Brennholz" erhoben wurden.

Stumm winkte der Capo mir, mit ihm zu kommen. Hinter mir waren Holzwände, aus rohen Brettern zusammengenagelt, die einem Schweinestall ähnliche Türen aufwiesen. Verschläge! Er öffnete lautlos einen Schlag und zeigte mit dem Finger auf die halb sitzen­den, halb liegenden Kreaturen. Russen in zerfetzten Uniformen stützten einander.

Es gab kein Fenster, keine Luftöffnung in diesem Loch. Dem Hungertod nahe, wälzten sich einige von ihnen, einen schmerzlich klagenden Ton ausstoßend, auf dem Boden in der Holzwolle.

Im zweiten Schlag, den der Capo öffnete, der gleiche Anblick. Nur mit dem Unterschied, daß neben den Lebenden bereits Tote lagen und daß die Lebenden, mit den Händen zeigend, keinen Laut mehr von sich gebend, auf die Toten wiesen, als wollten- sie uns darauf aufmerksam machen, daß unter ihnen bereits Leichen seien.

Der dritte Schlag war bereits eine Leichenkammer. Mit fried­lich grinsenden Gesichtern, aus denen man die ersehnte Erlösung lesen konnte, lagen sie da. Zwei Jungen im achtzehnten Lebensjahr hielten sich noch krampfhaft umarmt. Es war ein Bild, das Bände erzählte. Ein Bild der Kameradschaft, die bis in den Tod und noch weit darüber hinaus reichte.

Inzwischen war der Häftlingsarzt gekommen. Er zeigte mir die weiteren Verschläge, erklärte mir die Versuche und bedauerte den von der Lagerführung künstlich und mit aller Gewalt herauf­beschworenen unmenschlichen Zustand.

,, Hier stehst du inmitten eines Massengrabes! Wir arbeiten und helfen Tag und Nacht, stehlen oben im Revier Arzneien und Injek­tionen, damit wir den armen Teufeln nur einigermaßen die Stunden erleichtern können. Wir geben unser Essen und betteln herum, aber leider können wir ihnen kein Brot verschaffen und den Mordbuben die Peitsche aus der Hand reißen, was natürlich das Wichtigste wäre und für jeden wenigstens das nackte Leben bedeuten würde. Wenn man diese Menschen beobachtet, springt einem das Herz im Leibe. Sie tragen mit vorbildlicher Geduld! Sie können sich nur schwer äußern, überlegen jedes Wort fünfzigmal, um ja nicht irgendwie unangenehm aufzufallen, bevor sie es über die Lippen lassen. Die Antworten kannst du dir ja denken. Der Blockführer, wenn er gerade dazukommt und sieht, daß man dem einen oder dem anderen hilft, fragt gar nicht erst herum, sondern schlägt blind mit seiner Hundspeitsche über die hilfesuchenden Gesichter. Daher sind diese armen Teufel wie geprügelte Hunde scheu und sie ängstigen sich schon beim Öffnen der Türen. Wer

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