Druckschrift 
Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
141
Einzelbild herunterladen

von. So war erimmer. Sprach man von seinem schönen Daheim, so fuhr er einen hart an und sagte:

Halts Maul, hier ist dein Daheim, sonst rutschst du mir einmal unters Messer! Diese blöde Grüblerei, kriegen bloß immer Heim- weh davon!

Und bald darauf verschwand er. Ging man ihm nach, konnte man den armen Teufel bei den Toten finden. Ging ihm eben auch nahe, das ständige Zerstückeln von Leichen, schließlich waren es ja seine Kameraden.

Heute aber grollte er fürchterlich in diesem geheimnisvollen Keller. Lange lauschte ich, bis die Knochen mir vor Angst langsam zu schlottern begannen. Dann suchte ich die weggelegten Mal- utensilien auf dem Boden wieder zusammen und scherte mich von dieser unheimlichen Stelle.

Hier kannst du nicht malen, da wirst du verrückt! Die immer- währende Leichenschleiferei auf dem Boden bringt einen ja ganz aus dem Häuschen. Hau wieder ab!, murmelte ich vor mich hin und schaute mich noch ein paarmal um! Mir war, als käme mir einer nach und ein Zug von Bleichen wolle mich zurückrufen.

Komm und sieh dir's an!

Plaudite amici, comoedia finita est!

Nach langem, angstvollem Herumirren in dieser Unterwelt fand ich endlich eine passende Stelle in einem Nebengang. Licht gab es hier nicht, nur ein kleiner, matter, gebrochener Schein von der Lampe des Hauptkanals belichtete den Anfang des Eingangs meines neuenAteliers.

Gut, hier wird gemalt! Hinter mir in der Ecke gab es einige zerfallene Kistenteile, alte Blechbüchsen und Säcke. Ein paar Ker- zen, die ich mitgebracht hatte, sollten mir als Beleuchtung dienen. Allerdings durfte ich nur eine von den wenigen anzünden, denn was dann, wenn sie verbraucht waren? Eine alte Kiste diente mir als Staffelei, einige Brettchen und die Steine ergaben eine Sitzgelegen- heit. Geradestehen war unmöglich.

So arbeitete ich recht vergnügt, und bald schon hatte ich mich eingelebt.

Ein Photo des Arztes diente mir als Modellbehelf für dessen Porträt. Konnte ich nicht mehr weiter, verließ ich die Tiefe, sperrte recht vorsichtig und womöglich lautlos die Eisentüre auf, huschte den langen Kellergang an der Küche vorbei und die Stiege empor, schlich in die Nähe des Arztes, durchwanderte sein Gesicht auf- merksam mit meinen Blicken, und verschwand wieder, wie ich gekommen, in die Tiefe.

Einige Male besuchte mich mein Modell. Er setzte sich auf einen von mir errichteten steinernen Sitz und beguckte sich mein märchen- haftes Atelier.

141.