Jedesmal sah ich dabei vor mir einen zusammensinkenden Leichnam. Wieder, wieder und wieder— Menschen? Ist es möglich? „Sie morden ja seit dem Herbst schon‘— antwortete mir meine innere Stimme. Da ging mir ein Seufzer durch.„Und wann bist du an der Reihe? Heute noch nicht, aber morgen vielleicht!”
So resignierte ich, auf dem Boden kauernd, eine ganze Weile. Auf einmal waren Worte zu vernehmen. Schnell legte ich mein Ohr wieder an die Steinwand:
„Kumpel war's!"
„Was?", fragte der andere zurück,„mein Kumpel? Warum mußte denn der verrecken?
Nach diesen Worten fiel ein nackter Körper zu Boden.
„Ist wahrscheinlich in den Draht gelaufen!“
‚Ja, man sieht's an seinen Verbrennungen. Guck einmal!“
Dann war eine kurze Zeit Stille.
„Den haben sie ja anständig zerschossen, sieben Löcher an einer Stelle!
„Maschinenpistole‘, meinte der andere wieder.
„Tja, stecken wir uns noch eine an?", fragte einer den anderen. Gleich darauf hörte ich das Anzünden.
„Ob’s uns wohl auch noch erwischen wird?"
‚‚ Vielleicht!‘
„He!”, rief da ein dritter dazwischen.
„al
„Die Leichen kann man dem Leichenführer mitgeben, sind sechsundachtzig Stück, werden heute noch verbrannt! Sollen aber auf die Kisten Obacht geben, sonst verlieren sie zum Schluß noch einige Trümmer und ich geh’ an den Baum.”
Bald erkannte ich an dieser rauhen Stimme den Capo der Pathologie. Er war ein netter, lieber, gerne singender Geselle, von dem man sich aber im Lager die schrecklichsten Geschichten erzählte.
„Der Leichenschneider", hieß es, wenn er des Wegs daher- schaukelte, und alles bestaunte ausweichend den unheimlichen Ge- sellen. Er war so ein richtiger Hafengangster. Äußerlich rauh und hart, innerlich aber weich wie eine Blüte, dem nicht selten auch eine Träne im Auge klebte. Er wußte uns viele graue Geschichten von seinem im Lager erlernten Handwerk zu erzählen. Wir horch- ten oft mit offenem Munde zu und kaltes Gruseln übermannte uns, Alle von ihm in Stücke geschnittenen Leichen tanzten, auf ihn zeigend, an uns vorüber, als wollten sie seine Erzählung bestätigen. Damals am Abend, als ich ihm auf der Geige vorspielte, saß er in einer Ecke und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Ihn brach die Geige förmlich. Und als ich den Schlußton verklingen ließ, sprang er mit Tränen in den Augen von seinem Sessel auf, warf mir einige Zigaretten hin und rannte in der Richtung Leichenkeller da-


