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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
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spielte. Ich stand da und wartete wie eine Säule auf den nächsten Schritt, der mir verraten sollte, wohin der da draußen wollte. Kälte durchzuckte meinen Rücken. Vernehmung, Bunker, Auspeitschung, Baum hängen alle ihre netten Methoden durchflogen mein Ge- hirn.. Wo ist der Schlüssel hier von dieser Tür! Kruzifix!', brüllte der vor der Tür Stehende durch den langen Gang. Ich erkannte die Stimme des Lagerkommandanten, eines uns wohlbekannten, rück- sichtslosen Menschenfressers.

Schnell nahm ich das Bild, die Pinsel an der Brust zwischen Haut und Hemd versteckend, ließ die Farben in den Taschen ver- schwinden und kroch lautlos durchs Fenster, indem ich noch den Lumpen, mit dem ich die Fenster hie und da überholte, mitstreifte. Ich lehnte das Bild steil an die Barackenwand, ging von Fenster zu Fenster und tat, als hätte ich den Befehl, sie zu reinigen.

Inzwischen meldete sich der von einem Häftling herbeigeholte Lagerarzt beim Kommandanten. Als ich durchs Fenster zurück in mein Zimmer wollte, öffnete sich die Tür desselben und der Arzt führte seinen unguten Gast herein. Nun putzte ich auch hier die Scheiben.

Häftling Nr. 39.123 zum Fensterputzen befohlen!, schrie ich meinem Arzt, der, bleich wie eine Mauer, das Zimmer betrat, ent- gegen.

Seine zaghaft herausgelallten Worte, mit denen er seinem Vor- gesetzten auf dessen Fragen antwortete, verrieten sein sehr be- lastetes Gewissen.

Als er aber, sich rasch erholend, das von Farben und Pinseln völlig geräumte Zimmer sah, überlief seinen ernsten Mund ein stilles Lächeln.

Gut!, antwortete der Arzt, der inzwischen auch noch vom begleitenden Stab des Kommandanten mit einem zivilen Gast über- rascht worden war. Nach kurzer Begrüßung und sich unterhaltend verließen die Ankömmlinge das Revier. Mein Arzt, der sie bis zum Tor begleitet hatte, kam nun wieder, sich den kalten Angstschweiß von der Stirne wischend, zurück.

Verflucht und zugenäht!, stieß er fast atemlos hervor, indem er sich setzte.

Du bist doch ein alter Fuchs! Wo hast du denn das Bild?

Das Bild?', fragte ich zurück, als hätte nie eines existiert.

Ja, das Bild!, meinte er erschrocken.

Suchen Sie einmal! Ich glaube nicht, daß Sie es finden werden, antwortete ich in aller Ruhe.

Da war er gespannt.

Das wär ja zum Lachen, in diesem Zimmerchen so ein Bild nicht zu finden!". Er fuhr aus seinem Sessel auf und suchte jeden Winkel, jedes kleinste Versteck ab. Dann stand er vor mir wie ein