Druckschrift 
Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen

durchbrechenden Sonne des rufenden März, noch ‚ehe sie die graue Erde küssen durften, aufgesogen wurden. Der noch mit Eisschuppen bedeckte Erdbusen ließ sich aber nicht mehr bezwingen. Er grüßte die Menschen mit seinem Werden und seinem emsig da und dort reifenden Grün, gleich einem zur Knospe heranblühenden Maidlein, das seiner kindlichen Schale überdrüßig, dieselbe einfach abwirft, weil sie ihr Werden stört.

Ebenso entstand in uns und draußen zu unseren Füßen das Werdende, das unaufhaltbare Kommen und Vollbringen, Beseelen und Sehnen nach Freiheit und Ungebundensein. Frühling sind wir wie sie, die Scholle, die wir begehen, wie er, der Acker, der, neu gefurcht, gleich unseren Adern an Hand und Bein, vor uns sich geheimnisvoll ausbreitet.

So läßt der Herr zu deinen Füßen die Erde wieder blühn!

Streift über dunkle Scholle

sein heilig Sammetgrün.

O trinke, selbst der Frühling, Aus diesem dein Erstehn!

Was immer du auch tun magst, bedenke am Beginn

das Ziel der frohen Pläne,

und Deiner Taten Sinn...

So betrat ich, Pilger, auf den Pilgerstab gestützt, die Scholle der Erde und des Lebens, das beispiellose Gleichnis meines Kom- mens und Vergehens.

Mein unterdrückter Genius wollte zum Lichte, wollte den Odem aus dem Zauberborn der Schöpfung saugen. Ich konnte den Druck nicht länger ertragen, ich mußte mich gegen mich und meine Ketten aufbäumen, mich gegen alle Schmach und unnütze Demütigung stemmen.

Auftrag um Auftrag wurde mir erteilt. Dem einen eine Land- schaft, dem anderen ein Stilleben oder ein Porträt. Wohin sollte ich mit meiner Zeit? Der Tag ward mir zu kurz. Die Nacht, die mir praktisch ohnehin nur zur Hälfte zur Verfügung stand, brauchte ich dringend, um mich endlich ein bißchen erholen zu können.

Zuerst mußte ich die Wünsche meines Arztes erfüllen, der meineMaschine wieder zurechtgerichtet und mir durch illegale Traubenzuckerinjektionen mein Leben wiedergegeben hatte. Sein Wunsch war ein Porträt von ihm. Vorläufig besaß ich jedoch weder Pinsel noch Farben, keine Leinwand, keinen Rahmen. Alles, was dazu nötig war, fehlte mir.

Organisieren!', meinten alle, denen ich mein Leid klagte.

Schön! Aber der Malercapo, dem diese Requisiten zur Ver- fügung standen, wollte ja davon nichts wissen und mir auf keinen Fall das nötige Werkzeug in die Hand spielen, das ihm selbst bisher

136