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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Unwahrscheinlich wäre nur gewesen, wenn einmal ein wirk- licher, großer, gemeiner Berufsverbrecher zu uns gekommen wäre, die man durch den Rundfunk aller Offentlichkeit als Verbrecher hinstellte.

Was mochte da nur dahinterstecken? Bald sollte ich es er- fahren.

Nachdem ich in einem Zimmer untergebracht worden war, meldete ich mich beim Arzt zurück. Er stand auf und führte mich in sein Privatzimmer, das nun mein Arbeitszimmer werden sollte. Natürlich nur unter der Bedingung, daß ich ihn porträtieren und allen sonstigen Wünschen, die er mir bei Gelegenheit sagen wollte, nachkommen würde. Damit gab er mir den Schlüssel ünd ließ mich allein im Zimmer stehen.

Lustig, sagte ich leise vor mich hin.,

Farben und Pinsel? Und was man sonst noch alles braucht? Or- ganisieren wahrscheinlich! Ja, wenn diese Herren etwas wollten, mußte es her! Dabei war es uns streng verboten, einem SS -Ange- hörigen etwas zu machen.

Wehe, wenn einem Vorgesetzten das für einen Untergebenen Fertiggestellte gefiel dann wurde der Häftling auf das strengste bestraft und die Arbeit wurde dem Untergebenen weggenommen und vernichtet das heißt, beim Vorgesetzten aufbewahrt.

Oh, wie schön war es hier! Man hatte einigermaßen zu essen, von allen Blockführern sah man den ganzen Tag nichts und konnte daher auch nicht mißhandelt werden, auf dem Appellplatz mußte ich auch nicht mehr in Sturm und Regen, Schnee und Eis, bei Tag und Nacht stehen mit einem Wort, für mich war es der Himmel auf Erden.

Nur eines, was mich sehr bedrückte, war mir dort nähergerückt als je zuvor: das Ende der Menschen, das man draußen, vor dem Eingang des Reviers, nicht mehr beachtete!

Ja, tagelang sah ich mir das Fangspiel zwischen Tod und Menschen an, bis endlich der Mensch in einer Ecke seines Leidens erschöpft in die Hand des Fangenden fiel. Gerade dort konnte man von zehn Menschen neun enden sehen.

Sie suchte ich täglich auf, sie, die scheiden mußten, sie, die mit jeder Faser an guten Hoffnungen hingen. Sie ging ich trösten "und stärken. Und oft hätte ich mit ihnen gerne getauscht! Sie hatten Weib und Kind, die Liebste und alle Getreuen und mußten sterben. Sie, die hoffnungsvoll in alle Zukunft blicken konnten. Und ich, der längst Vergessene, mußte leben?

Frühling war es wieder! So sang ein Stimmchen in jeder Brust. Jeden Geist umregte stilles Werden.

Frühling!

Noch einmal umtanzten uns, abschiednehmend, spärlich und schüchtern, einige große Flocken, die von der bereits unaufhaltbar

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