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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Tor weg. Im Block wusch ich mir, nachdem ich mich einigermaßen erwärmt hatte, mein Gesicht und die Hände vom Blute rein. Mein Kamerad Arthur, der mir dabei behilflich war, half mir noch ins Bett, deckte mich zu und wünschte mir eine gute Nacht, während er mit seinen Händen zart meine Wangen streichelte und dabei die Worte flüsterte:So ein Hexenmeister der Geige darf noch nicht sterben! j

Am nächsten Morgen wurde ich mit einem Laufzettel gesucht. Ein Laufzettel wurde nur dann gebraucht, wenn der Häftling ins Revier aufgenommen werden sollte oder vom Arzt auf Wunsch irgend einer Behörde untersucht werden sollte.

Ich bekam vom Läufer den Laufzettel:Häftling Nr. 39.123, geb. am 2. 5. 1913, um 8 Uhr beim Arzt im Revier 1 zu melden.

Was sollte das? Sollte ich entlassen werden? Oder hatte viel- leicht Berlin mich angefordert?

Hatten die Herren am grünen Tisch eingesehen, daß man einen Menschen, der harmlos sein Herz verlor, nicht umbringen konnte? Oder brauchten sie mich zum Malen?

Mit allen möglichen Fragen mich quälend, arbeitete ich mich, nur schwer weiterkommend, vorwärts ins Revier.

Der Arzt fragte mich nach meinem Gesundheitszustand, wäh- rend seine Augen hastig den vor ihm liegenden Akt durchflogen. Tausend für- und widersprechende Gedanken durchblitzten mein nichtsahnendes Gehirn.

Laß kommen, was da kommen mag, du kannst es ohnehin nicht ändern. Hier bist du der Spielball des Schicksals!

Herzinsuffizienz ', sagte der Arzt.Bleibt hier!"

Er drückte auf einen am Schreibtisch angebrachten Knopf, wor- auf ein Sanitätsunteroffizier das Zimmer betrat und stramm vor dem Arzt stehenblieb.

Der Mann bleibt hier!, befahl der Arzt, indem er auf mich zeigte.Er soll sich ein Zimmer aussuchen, das ihm zusagt, und wenn ers gefunden hat, soll er sich wieder bei mir melden!"

Jawohl!', antwortete der Unteroffizier und befahl mir, mit ihm zu kommen.

Ich war ganz eigenartig vom stillen Glück überrascht worden. Zimmer aussuchen? Ja, hält mich denn der Herrgott in seinen Hän- den? So etwas gab es doch bisher nicht? Ich war doch immer mit den unwahrscheinlichsten Martern gequält worden eine der- artige Umwälzung war mir noch nie vorgekommen!

Doch was war in diesem verrückten Staat nicht alles möglich! Einfach alles! Gestern sterben müssen, heute verwöhnt werden, morgen vielleicht gekreuzigt mitten auf dem Appellplatz hängen nn in ein hohes Amt eingesetzt werden, war nie unwahrschein- ich!

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