Druckschrift 
Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
Seite
133
Einzelbild herunterladen

Bald darauf verschwand dieser Mordknecht. Er schlug den Weg zu den mir zur Linken stehenden Russen ein, die wohl zur Er- schießung ausgesucht waren.

Gott sei Dank, murmelte ich vor mich hin.Nur meine Lieben sollen mir noch Träumerei der letzten Stunde sein und sie, für die ich gern lächelnd sterbe, sie, die mir einmal alles gewesen war.

Wo bist du? Würdest du mich hier sehen, du müßtest mir dein Herz erschließen, du müßtest in Tränen mir einen Becher Wasser reichen, auf daß ich, wieder gestärkt von deiner Hand, zu einem neuen Leben, das ich ja so gerne leben würde, aufblickte. Du aber bist ferne. Sei gesegnet in der Ferne von mir, der, im Schmutz kriechend und sterbend, deine Füße küßt.

Inzwischen war es schon Nacht um mich geworden. Meine Knochen konnte ich vor Kälte nicht mehr bewegen. Unter den Kom- mandos, die da einrückten, erkannte ich meinen Kameraden Arthur einen älteren Herrn aus Berlin , der gute Beziehungen zum Revier hatte. Wie mir nachher erzählt wurde, eilte er nach dem Appell sofort dorthin und machte einen ihm sehr gut bekannten und bei den Ärzten sehr einflußreichen Capo auf meine Lage auf- merksam. Dieser unternahm sofort Schritte für mich und besprach mit dem Arzt meinen Zustand. Freilich konnte der, wenn er wollte, etwas unternehmen.

Nun war die erste Russenkolonne zum Erschießen abgeführt wor- den. Ich, der nun nicht mehr länger gewillt war, in Sturm und Eis zu liegen, kroch auf dem Bauch zur nächstfolgenden Kolonne vor, die in Kürze abtransportiert werden sollte. Allerdings hatte niemand hier das Recht, mich zu erschießen, aber die Herren hielten es für besser, mich auf irgend eine Weise geschickt unter den Haufen der Delinquenten zu bringen, um so ein krüppeliges Wesen einfach mit . der ihnen zur Verfügung stehenden Motivierung:Auf der Flucht erschossen aus der Welt zu schaffen. Wer hinderte sie daran? Wer fragte nach mir? Wer hätte sich dagegen zur Wehr setzen können? Niemand!{

Plötzlich trat ein Offizier, ein Arzt, zu mir. Er hob meinen Kopf in die Höhe und fragte mich:

Bist du der Anselm? Der Dachauer Maler!

Stumm nickte ich. Ich erkannte ihn nicht.

Dann verschwand er durch das Tor. Nach seinen Blicken zu den Fenstern des ersten Stockes konnte man annehmen, daß er das Zimmer des Lagerführers aufzusuchen gewillt war.

Er kam nach kurzer Zeit wieder und ließ mich von den Russen auf die andere Seite des Tores legen.

Längst war die Kolonne nicht mehr, längst hatten sie ihre Seelen dem Himmel und alle Sterblichkeit den Flammen übergeben, da holten mich zwei Häftlinge auf Weisung des Lagerführers vom

133