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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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schwinger und Befruchter meines kläglichen Daseins. Jetzt sollte ich auch noch meinen geliebten Werkzeugen Ade sagen? Noch in den letzten Tagen durfte ich mit meinem Mozart, mit Beethoven und vielen anderen längst Verblichenen von ewigen Freuden plaudern. Oh, wie sprachen sie alle sanft und tief zu mir! Wie oft reichten diese Lieben mir mit ihren Worten das Brot, wenn ich hungrig vor ihrem Altar saß.

So ist's hier sind Brot und Geist deiner großen Freunde. Nimm aus ihrer Hand, die rein und ebenso schwergeprüft wie deine, früh gefaltet ward zum ewigen Gebet.

Oh, ihr geliebten Meister, nehmt mich sinkenden Schüler in eure Arme, laßt mein Spiel ertönen und teilt mich ein in den Ring der Symphoniker des Leichenchores.

Schön waren, trotz aller Menschenschlächterei, die letzten Stunden der vergangenen Tage. Wie viele mochte mein Geiglein dort getröstet haben, die so hinter dem Orchester, die Augen ge- schlossen, träumten und am nächsten Tag ihren Leib der Erde übergaben. Damals sprach ich still für mich die glücklichen Worte:

Heute noch nicht, morgen vielleicht!

Während ich in meinen Träumereien auf dem Boden lag, wurde hinter mir der Appell abgehalten. Ich hörte die Tritte der mar- schierenden Kameraden, die Kommandostimmen der Blockältesten und Blockführer. Doch bald war Totenstille hinter mir. Auf einmal näherten sich mir derbe Schritte.

Willst du nicht aufstehen, du faules Schwein?

Das war die gleiche Stimme wie die des Blockführers, der mich schon am Nachmittag hatte morden wollen.

Das ist der Dachauer Maler, der mit einer Beamtin ein Ver- hältnis anbahnte. Er wollte ihr den Kopf verdrehen, dieser Ver- brecher! Außerdem hatte die Dame ohnehin einen sS -Führer als Verehrer, Herr Lagerführer, Sie werden ja den dortigen Apotheker gekannt haben? Es war SS-Untersturmführer Müller, so meldete er weiter.

So, also das ist dieser Lump? Für den weiß ich schon etwas. Der kommt nachher gleich zu der Russenkolonne!, antwortete der Lagerführer im Weggehen.}

Der Blockführer blieb zurück, drehte mich dann höhnisch um und sagte grinsend:

Damals war's schön, gell, so mit der Blondine, aber warte nur, heute wird's noch schöner, da hinten, du weißt ja!"

Er zeigte mit seiner Rechten zur Erschießungsstätte. Wie blieb mir das egal! Im Gegenteil dahinten ging es doch bedeutend schneller! Wie aber kam er zu dem NamenMüller? Wohl wußte ich, daß Elfi mit dem Dachauer Apotheker näher bekannt war, daß er sich aber gerade diesen Menschen als Rachegrund hernahm, blieb mir ein ewiges Rätsel.

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