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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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ihn. Vielleicht schlief er vor Schwäche und Hunger? Sehen konnte man nichts, es war stockdunkle Nacht.

Wach auf, Kumpel! Heiliger Abend ist!" Nein, er wollte nicht mehr, der Sturm nur antwortete, heulte um unsere beiden Gestalten und floh wieder vor uns.

Oh, grüß du, Wind, die Seinen, und sag ihnen, daß ihr Vater- schläft!"

Komm, wir wollen gehen, im Block ist's wärmer! So redete ich noch immer auf den Schläfer ein. Da es nichts half und mein Reden wie auf einen Stein wirkte, nahm ich den Kerl über die Achseln und schleppte ihn zum nächstliegenden Block.Komm, noch ein paar Schritte sind es, komm nur, komm!"

Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht...., so hörten wir das Lied von den Häftlingen singen. Der Sturm flötete seine Melodie dazu und einige Mundharmonikas umrankten die alte Weise von Gruber.

schlafe in himmlischer Ruh, schlafe in himmlischer Ruh....!"

Jetzt sind wir im Vorraum der Stube. Wie siehst du eigentlich aus? Und wer bist du? Das heißt: wie lautet deine Nummer? Es ist leider schon zu spät, dich zu fragen, wer du bist! Du, armer Teufel! Hättest du das Sterben nicht vorverlegen können? Oder für später aufheben? Heute, am 24. Dezember 1941?

schlafe in himmlischer Ruh....!'

Nun stehen sie da, die Brüder, um deine Sterblichkeit! Alles verstummt und trauert um den fremden Kameraden. Durch die Tür hört man das Knistern und Winseln der Flammen des naheliegen- den Krematoriums. Menschliche Hüllen brennen, Söhne der herrlichen Heimat!

Wie schauerlich sich das Winseln der Gluten anhört. Immer wieder Menschen um Menschen. Haufen um Haufen von Leichen erstehen. Kein Ende nimmt diese höllische Rösterei. Oben, am Ende des zehn Meter hohen Kamins, schlagen noch die Flammen heraus und erhellen die schweigende Halde. Seit Tagen, Wochen, ja sogar schon Monaten züngeln die Feuerzungen schreiend gegen den Himmel.

Und heute, da die ganze Welt, ob Freund, ob Feind, von einer gewissen Friedensstimmung beeindruckt wird und die Stunde der Geburt des Jesuskindleins feiert, jedem Kind das Herz im Leiblein noch einmal so schnell vor Freude pocht und keiner, selbst nicht der größte Tyrann, in Wut mit Blut seinen Dolch beschmutzt, da gibt es doch einen, den der Teufel seiner Fesseln entledigt, der herzlos selbst über Weib und Kind hinwegschreitet, um zu mor- den und seine Opfer zu verbrennen.

Es ist der SS-Mann, der Hüter des Deutschtums und seiner

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