Früh
unsere Totentrommel. Und nun war es gleich besser. Man stand in seiner Freizeit an einer Ecke der Straßen und unterhielt sich mit den wirbelnden Sternchen. Ließ Heimat, Haus und Gasse, Leben um Leben an sich vorüberziehen, bis alles das eine Träne aus dem Sinnenden lockte und ihn zwang, das gefährliche Spiel abzubrechen. Wie viele sprangen nach solchen schönen Minuten aus Verzweiflung und Heimweh in den geladenen Stacheldraht! Hunderte in einem Jahr!
,, Häftling Nr. 39.407 auf der Flucht erschossen!", lautete dann die Meldung vom Turm B an die vorgesetzte Stelle.
,, Vater, du suchtest dem Schicksal zu entfliehen?", fragten Frau und Kind, vor der Urne stehend.
,, Du, der du immer froh und lachend jeden Schlag pariertest? ,, Ja!", sprach die Urne. ,, Ich wollte zu euch, und nun habt ihr
mich!"
Ein höllischer Sturm, der von der Ostsee über uns hereinbrach, trieb die Flocken wüst durcheinander. Uns fror erbärmlich.
Nach dem Abendbrot, das weitaus nicht reichte, meinen Hunger einigermaßen zu stillen, floh ich zur verabredeten Stelle, die ich mit meinem Kameraden, einem Priester, am Morgen desselben Tages vereinbart hatte.
Niemand durfte mich dabei ertappen; es war äußerst gefährlich, mit einem Priester in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen. Was wollte ich mit ihm, dem Verfluchten? Mit dem ,, Ubel", wie man ihn allerorts nannte? Was wollte ich von ihm?
Ich bat ihn, mir eine Beichte abzunehmen, was er auch tat. Erwischen durfte uns wohl keiner, ja, eine leiseste Verständigung genügte schon, um sterben zu müssen.
Ruhig und gelassen nahm er mich bei der Hand, um mich in die dunkelste Ecke des Lagers zu führen.
,, So", sprach er ,,, hier wollen wir mit unserem Herrgott reden! Und zwar nicht wie kleine Kinder, sondern wie Menschen mit ihm reden sollen, die unter seiner Geißel leiden. Und gerade du dürftest wohl auch noch zurechtkommen", meinte er. Der Herr möge dir über deine letzten Stunden hinweghelfen angesichts dieses himmelschreienden Elends!"
Plötzlich trieb mich der Sturm von ihm ab. So sah er sich genötigt, mich in seine Arme zu nehmen und zu führen. Er sprach vom Leiden Christi , das dieser ohne Zorn und ohne jeden Vorwurf gegen den Himmel hingenommen. Sprach von meinem Sterben und meinte, daß ich es leicht überstehen würde.
,, Ja, sag du mir, Freund, meinst du wirklich, daß mein Zustand derart schlecht ist?"
,, Ja", sagte er ,,, willst du ihn verleugnen?"
Ich mußte ihm sagen, daß ich ans Sterben noch lange nicht dächte. Ich fühlte Kraft genug in mir und glaubte, wenigstens den
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