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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Leider erlebt man Geniales nie oder nur sehr selten. Man findet kaum einen Führer, der nach seiner Niederlage Hand an sich legte, weil er das Volk ins Unglück geführt, sondern nur, weil er nicht mehr das sein konnte, was er bisher war.

Wie freuen wir uns, wenn uns ein anderes Volk ehrt und schätzt! Wie werden wir angespornt von der Eleganz der Nachbar- kultur! Wie schätzt mich der, den ich verehren muß! Und wie ver- achtet mich ein Volk, das ich nicht anerkenne, das ich brutal ver- nichte?

Wie sehr aber hat dann der sich Rächende sich verrechnet! Denn hier war ja nicht das Volk, sondern der Völkling.

Es ging schon gegen Weihnachten, da hörte ich, während ich Spielzeug malte, im Nebenraum der Werkstätte den Ton einer Geige. Langsam lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück, legte den zu bemalenden Würfel weg und lauschte. Meine Kehle war wie zugeschnürt und um meinen Atem rang ich förmlich.

Meine Kameraden, die wußten, daß ich Musiker war, baten mich nun, ihnen etwas vorzuspielen, was ich auch tat. Am Nachmittag wurde ich dem Kapellmeister, einem norddeutschen Komponisten, auch Häftling, vorgestellt. Derselbe beabsichtigte, eine Kapelle zusammenzustellen. Von der Lagerleitung wurde es bewilligt und nun wollte er mich als Konzertmeister verwenden. Ich versprach ihm mein Mitwirken und die absolute Mitarbeit bei der Organisation der Kapelle.

Wir arbeiteten nun eifrig. Was tat man nicht alles für die Kunst! Wir durften uns im Laufe der Zeit auch Instrumente schicken lassen.

Trotz schwerster Arbeit, Hunger und Sorge gelang es uns, ein stattliches Orchester zusammenzustellen. Wir suchten uns einen Raum zum Proben, in dem wir fast täglich zusammenkamen. Hier im Lager gab es ja gute Kräfte, Sänger von Staatsopern, Musiker von Ruf, Komponisten und Schauspieler.

Ich hatte nun die Ehre, Violinkonzerte zu geben und war über- glücklich, mit den alten Meistern in ihrer Sprache zu reden.

Leider wurden wir von der Notwendigkeit einer Isolierung wegen der wütenden Seuchen überrascht.

Neuerliche Quarantäne!

Also wieder das ganze Hab und Gut auf den Rücken und wie eine Zigeunerhorde losgezogen.

Entlausung und Umsiedlung in einen anderen Block.

Wieder mehr Hunger, wieder keine Schlafgelegenheit und noch mehr Arbeit waren das Resultat.

Vor allem, und das traf uns am meisten, gab es zu solchen Zeiten keine Post.

Menschliche Wracks brachen zusammen.

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