ärztliche Hilfe gab es ja kaum. Wenn schon ärztlich eingegriffen wurde, dann geschah es, weil dadurch entweder die SS gefährdet war oder weil man eine Abwehr suchte und mit unseren Leuten am besten Proben anstellen konnte.
Wieviele der Häftlinge liefen mit Phlegmone herum, und zwar so lange, bis dem Betreffenden die Maden über den von ihm selbst angefertigten Verband rollten! Welche Schmerzen solch ein Mensch hatte, kann sich wohl kaum jemand vorstellen.
Ruhrkranke mußten arbeiten, bis sie neben ihrer Arbeit ver- endeten.
Es ist leichter, darüber zu sprechen, als die vielen grauen- haften Situationen schriftlich zu schildern. Das wird wohl kaum einem Menschen wahrheitsgetreu gelingen.
Von einem Ruhrkranken weiß ich zu erzählen, daß er solange herumlief, bis ihm die Gedärme mit dem Kot während der Arbeit austraten, bis er neben seinem Schubkarren starb! Er war bei der Planierung des Lagerplatzes beschäftigt.
Fleckfieberkranke liefen so lange herum, bis sie einfach um- fielen. Wir mußten wohl eines Tages zur Impfung, aber das war reichlich spät. Mir selbst ging es damals schon nicht mehr gut.
Ich hatte in Dachau sechs Impfungen bekommen, bevor ich nach Oranienburg -Sachsenhausen kam, und nun impfte man mich ebenso oft.
Wir traten im Hofe des Reviers an und zwar als erster Schub gleich tausend Mann. Die Impfung besorgte ein im Revier beschäf- tigter Schlosser oder was er sonst von Beruf war. Jedenfalls etwas Ähnliches! Und außerdem noch ein SS-Mann, der sich dafür interessierte und eben willkürlich zustach. Dies war ja gerade noch nicht das Schlimmste.
Trotz dieser unmenschlichen Zustände starben verhältnis- mäßig wenig Gefangene. Sehr groß allerdings waren die Opfer bei den Russen und nicht zuletzt bei der SS. Fast alle Blockführer suchte das Fleckfieber heim, und zwar vor allem jene, die als Hauptmörder bekannt waren. Eigenartig— ja fast unheimlich! Es zog Frau Rache über die Mauern und suchte die Mörder heim. Uns war dies sehr recht. Endlich, wenn auch nichts Besseres folgte, waren diese Schurken einmal weg!
Es kam der Befehl, über das Lager die Quarantäne zu ver- hängen. Und nicht zuletzt die Generalentlausung.
Jeder Mann hatte sein ganzes Hab und Gut unter dem Arm und wanderte inmitten seiner Kameraden vom Block zur Entlausung, die im rückwärtigen Lagerteil eingerichtet war.
Einer Zigeunerstadt glich das Lager!
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