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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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war Arrest! Wie lange, wußte nur der Lagerführer, und ob einer überhaupt wieder herauskommt, wußte nur der liebe Gott allein!

Im Nu waren wir abgezählt und nun kam der Abmarsch in die Blocks. Mich hatte es gehörig gefröstelt in der nassen Hose. Die Ka- meraden stießen mich herum, ich stank ihnen zuviel, sie hatten mich noch nicht gekannt, und so war ich das arme Übel in der Menschen- horde. Mein Blockführer, ein älterer Mann, hatte etwas mehr Ver- nunft und befahl den Kameraden, mich in Ruhe zu lassen.Was wollt ihr denn von dem verhungerten Elend da?" Ich sah ja fürch- terlich aus und war wirklich erbarmungswürdig. Vielleicht sah man schon den Tod an meinen Fersen kleben, ich sah es ja nicht! Ich wollte es auch nicht merken. Für mich gab es nur eine Parole, und die war: Alles oder nichts! Leben oder sterben! Sie noch einmal sehen, wenn auch vielleicht von anderen Armen beschützt, aber doch wenigstens sehen!

Blutrot sank die Sonne hinter dem Kamin des Krematoriums. Eine Rauchsäule stand drohend über dem Kiefernwald, aus dem einige Raben schrien, sonst war alles totenstill. Der Lagerführer nahm den Appell ab. Es wurdeMützen ab befohlen undAugen rechts! Wie Säulen standen sie da, die Märtyrer, die Helden von Sachsen- hausen! Keine Wimper zuckte! Bereit, alles hinzunehmen, mochte kommen, was wollte, und fiel der Himmel über uns, es mochte uns einerlei sein. Wir standen und warteten, wir hungerten und kämpf- ten, wir arbeiteten und starben....!

Diesmal ging es sofort nach dem Appell in den Block. Die Ko- lonnen marschierten in ihre Lagergassen, jeder Zug seinem Block zu. Dort noch einige Belehrungen vom Blockältesten, denn der be- kam Druck von oben, und dannWeggetreten! in die Räume. Ja und ich? Ich konnte doch nicht wieder so wie ich stank und aussah in die Stube? Ich stellte mich erst im Vorraum unter die kalte Dusche, dann wusch ich die Kleider aus. Und nun stand ich da, nackt wie ein Ochse auf der Wiese. Zum Glück hatte ein Kamerad eine ille- gale Hose verborgen, die er mir nun leihweise überließ. Dann erst konnte ich mich in die Stube wagen, denn ich hatte noch genug vom letzten Abend.

Inzwischen war mein Essen aber bereits aufgefressen, ich hatte also wieder einmal nichts. Immer nichts! Am vergangenen Abend waren mir noch Bett undSpind zugewiesen worden. Das erstere mußte sofort wie eine Schachtel gebaut werden: eine Decke, ein Kopfkeil und ein Laken. Laken gab es zu dieser Zeit noch, später hieß es auch auf das verzichten.

Dabei war ich aber nicht einmal mehr in der Lage, mich gegen Anpöbelungen zu wehren. Ich war schachmatt! Ausgespielt, des Lebens nicht müde, sondern nur ohne Kraft. Meine Energie zuckte nur noch fallweise auf, wenn mir das Wasser am Halse stand. Sonst war ich bereits das Nichts.

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