Heimathause, Sorgen um das Kind, das in Nacht und Wind die Mutterstube verlassen und ins Nichts geflohen war. Meine Angehö- rigen waren ja alles eher als Menschen, die helfen konnten, und wenn auch, dann fehlte ihnen in diesem Fall jedes Verständnis für mein Vorgehen. Mutterliebe mußte also dem Geschöpfchen am meisten fehlen!
Armes, hilfloses Ding, dich riß ich ins Elend! Ich nahm dich und warf dich in die Lebensschlacht der Menschheit. In die Armee der Odemsucher, der Brotsucher. In das Meer der Unglücklichen, in die Nacht des Grauens und vielleicht umsonst! Du aber, Herr- scher über alles und über mich, du weißt meine aufrichtige Liebe, du kennst auch meine Reinheit, du darfst das nicht vernichten lassen, du mußt uns in deine Hände nehmen, ob tot oder lebendig, gleich, diesmal soll das Blut uns bis zum Ende unseres letzten Augenblickes binden. Vereinen, bis der Tod uns scheidet.
Ewig oder nie!
Du umschwebst meine verweinten Augen, wo immer ich meine Blicke auch hintue. In meinem Pulsschlag hämmert dein Herz. Für dich, meine gefallene Bergheimat, kreist mein Blut. Für Euch, mein Volk und Boden, such’ ich Odem. Ihr seid es wert, für Euch zu leben und zu sterben, Heimat. Gassen, Häuschen, Gipfel und Zinken er- halten mich in diesem Grauen. Heimat, deine Bejahung und Liebe, Vermehrung und Formung erhalten mein Leben. Deine Busen, Mutter, tränken mich und stillen meinen Hunger und meinen Durst. Du bist die Herrin und Göttin meines Existenzkampfes um Sein oder Nichtsein. Deine Wälder und Quellen, Heimat, raunen und rauschen um mich.
Es geht um alles oder nichts!!
Heimat, Vaterhaus!
Selbst der alte Stein der längst zerfallenen Mauern sucht und ruft seinen Wächter.
Der Baum am Brunnen summt sein altes Lied. Vater und Mutter fanden dort einander— er summt sein altes Lied. Die Urgroßeltern tauschten unter seinem grünen Dach den ersten Kuß und ver- sprachen sich fürs Leben. Kein Aschenflaum von beiden regt im Winde sich heut’ mehr, nur er erzählt von alten Tagen, täglich, immer wieder, wenn ein Mensch vor ihm steht, und den Riesen bestaunt. Da fängt er zu plaudern an und führt ihn Jahrhunderte zurück. Er lädt den Jungen in seine Arme und weist ihn flüsternd unter sein Dach zum Plauderstündchen mit der Allerliebsten. Er, der immer war! Und dort steht das alte Kreuz, es zeigt den Christus. Unter ihm der Betstuhl, der vom Wurme durchfressen. Ja, er trug das Leid und die Sorgen meiner Vorfahren, all der Erdenpilger, deren Blut in meinen Adern rollt. Er gab ihnen Trost und neue Liebe, er schmiedete die Treue fürs ganze Leben! Er— den man vergessen will, er, den man verspottet, mit aller Gewalt aus Erd’
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