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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Nett so! Bisher waren es nur die sogenannten Kulturträger, die uns schlugen und massakrierten, auf die Bäume zogen, mit Finfundzwanzig das Sitzleder versohlten, lebendig eingruben, durch die Zementmaschine ließen usw., nicht das Volk, nicht der Feind, sondern nur sie, die uns Retter sein wollten!!

Eine Woche war nun vergangen. Endlich eines Tages um vier Uhr früh verlas ein Beamter unsere Namen. Es hieß zusammenpak- kon. Mit uns war noch ein Jude, ein alter, korpulenter Herr, der sich nicht mehr so wie wir bewegen konnte. Er zählte bereits 72 Jahre. Wir waren ihm natürlich gerne behilflich. Nun hieß es wieder auf

} die Wagen. Genau so wie bei der Herfahrt erging es uns nun wieder: ©) Prügel, Geschrei und Getöse. Man beförderte uns in Ketten zum

#} Bıhnhof und dort in Eisenbahnwagen. Das Ziel war Oranienburg - ) Sachsenhausen.

Wir waren kaum im Bahnhof angekommen, der Zug stand noch nicht völlig still, da stürzte SS zu den Türen herein und trieb uns wie ene tolle Horde hinaus. Vor den Wagen hieß es Fünferreihen formieren. Es wurde abgezählt und dann kamen wir in das dort be- reitgestellte Auto. Wie wir in dasselbe gelangten, weiß ich heute moch nicht. Auf alle Fälle so wie immer, wenn man es mit diesen

" Verbrechern zu tun hatte: Fußtritte, Schläge mit Fäusten und Stök-

kcen und Hundepeitschen. Wir beide wußten ja längst Bescheid, aber den anderen erging es sehr schlecht. Bis sie in die Wagen kamen, hatten sie bereits Beulen und das Blut rann ihnen in Strömen aus Mund und Nase. Der alte Jude glaubte anfangs, sein Alter würde doch die SS-Leute ein wenig zurückhalten, aber da verrechnete er sich gehörig. Gerade ihn weil er nicht mehr konnte, weil er zu keiner Arbeit mehr fähig war, gerade ihn schlugen sie mit allen Kräften. Nun mußten wir 56 Mann in einen kleinen Schnellast- wagen. Im ersten Augenblick glaubte ich, erdrückt zu werden. Ich biß vor Schmerz die Zähne zusammen. Nun ging es dahin, etwa 2) Minuten, ins Konzentrationslager oder Anhaltelager, wie sie es mannten, Dasselbe hatte nicht immer den gleichen Namen. Es hing won den Besuchern ab, die öfter aus befreundeten Staaten kamen.

Aber das war ja schließlich egal. In der Geschichte ist und Heibt es die Hölle Nazideutschlands! Die organisierte Mord- und

Uynchfabrik!

_ Im Auto vielleicht zu erwähnen, daß es nicht mehr gehe, daß keine mehr hereinkommen sollten, wäre Selbstmord gewesen. Wir wußten das und machten die anderen auch sofort darauf aufmerk- sam. Die Begleiter waren, wie üblich, ungelernte, arbeitsscheue, rohe nalphabeten, geschulte Henker, Mörder, die kein Erbarmen, Mit- !kid oder sonst eine gute Regung kannten. Sie grinsten, wenn sie die Opfer vor sich hatten. Erst beguckten sie dieselben wie Pferde-

Händler verkäufliche Tiere, dann fragten sie einen der Zitternden:

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