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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
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Mantel, den wir mitgebracht hatten, mußten wir entweder anziehen oder in den Händen tragen. Die Hitze war wahnsinnig! Zur Wasser- leitung, die ebenfalls hinten in der Ecke angebracht war, konnte man überhaupt nicht kommen, weil man sonst alle Leiber hätte zusammentreten müssen. Also war das aussichtslos. Außerdem hatten wir noch einen höllischen Hunger und dazu nichts an Rauch- waren! Was tun? Da war guter Rat teuer. Erst glaubte ich, es keine Stunde länger mehr auszuhalten. Es muß gehen! Hoffentlich ist es nicht umsonst! Das war mein ständiger Gedanke, der mich außer Angst und Schmerz noch plagte. Ich litt bereits unsagbar. Wasser- halten konnte ich nicht mehr, ich lief ständig mit nasser Hose herum. Die Menschen, die das lesen, werden sich manches denken! Ja, das können sie mit Recht! Mir selbst machte es nichts mehr aus. Auch furchtbare Kopfschmerzen verließen mich seit Wochen nicht mehr. Es wird wohl Hunger gewesen sein, denn ein Schwindelgefühl ließ mich kaum mehr auf den Füßen stehen, die Kleider hingen an mir wie auf einem Kleiderstock. Lustig! Die Schuhe waren zu groß, der Hemdkragen war um x Nummern zu weit, den Hosenriemen konnte ich auch nicht mehr gebrauchen. Also enger um die Mitte! Socken hatte ich zur Zeit keine und das war gut, denn meine Waden hätten sie doch nicht halten können. Ich hätte sie mir im strengsten Falle um den Bauch binden können, um nicht auf ihnen herumsteigen zu müssen.

Es war tatsächlich lustig um mich bestellt. Verdreckt wie ein Aschenträger, unrasiert wie ein Höhlenbewohner, hungrig wie ein Löwe und hilflos wie ein Mädchen ohne Kleidungsstücke bei einer Überraschung! Verbrecher im wahrsten Sinne des Wortes. Unglück- lich, überunglücklich. Keine Stunde verstrich, ohne daß ich über Liebste, Mutter und Geschwister nachgrübelte, ob ich sie wohl noch einmal wiedersehen würde im irdischen Drängen und Hasten.

Am nächsten Morgen, als der Boden so allmählich zu leben begann, traute ich meinen Augen nicht. Unzählige fragliche Figuren, nette Herrchen, richtige Verbrecher, die sich mit uns schon über- haupt nicht mehr abgaben. Es waren zum Großteil Polen , die tags- über Dienst versahen, wie zum Beispiel Kanzlei aufräumen uSW., Leute, die auf Umwegen die unmöglichsten Geschäfte mit den Beamten abwickelten.

Diese sogenannte Haftaristokratie hatte bereits durch Karten- spiel und Zigarettenhandel Pelzmäntel, neue Kleider, Uhren und noch viele andere Schätze erarbeitet. Sie hatte auch ein Plus bei den Aufsehern. Bald kam ich darauf, daß sie uns für Zigaret- ten und andere Dinge auch Briefe an die Angehörigen übermittelte. Eine direkte Unterwelt, aber das machte mir sogar noch Spaß! Sie rauchten, tranken, aßen und ließen sichs recht gut gehen. Einer von ihnen, der Stuben- oder Arrestälteste, hatte sogar das Faust-