Wagen. In einer Ecke desselben landete ich nach einigen Stößen. Hinter mir kamen die anderen alle. Der Wagen, der bereits weit überfüllt war, so daß ich mich gezwungen sah, auf den anderen Kameraden herumzusteigen, weil ich bereits zu wenig Luft bekam, rollte nun ins vollkommen Ungewisse. Wer wußte wohin? Keiner wußte Bescheid! Mein Kamerad und ich kannten wohl unser Ziel, aber wer garantierte uns dafür? Wir beide ganz sicher nicht, denn wir hatten Erfahrungen gesammelt in den Jahren. Wen und wie viele hatte man transportiert, die nie wiedergekommen waren! Mich trieb dieser Zustand im Wagen fast zum Wahnsinn. Im Stillen betete ich, der Herr möge mir doch noch die Kraft zum Aushalten geben. Wenigstens bis zum ersten Ziel. Stundung! Stundung!! Schenk mir mein Leben nur noch kurze Zeit und laß kommen, was mag— ich will es tragen, aber das nackte Leben lasse mir! Einmal muß ja der Tag der Erlösung kommen!
Oh, du fürchterliches, ewiges Gebet!
Nach einer halbstündigen Fahrt wurden wir, wie wir später er- fuhren, im Gefangenenhaus auf dem Alexanderplatz — Alex genannt — ausgeladen. Endlich! Es war furchtbar, in dem Wagen noch länger um Luft förmlich zu kämpfen. Zuerst wurden wir nun in eine Kanz- lei geschleppt, wo unsere Akten, die immer mitgeführt werden muß- ten, überprüft wurden. Anschließend ging es in raschem Tempo in die Kellerräume des Alex. Rund dreißig von uns kamen in Raum 2, die anderen in Raum 1 und 3 usw.
Ein älterer Beamter öffnete die Kellertüre. Erst erschrak ich. Ein noch nie dagewesener Anblick begegnete uns. Ein dunkler Raum, zirka acht oder zehn Quadratmeter groß, wurde von einer mit Papier umhüllten, schwach leuchtenden Lampe erhellt. Links stan- den ein paar Holzbänke, einen Meter breit, und vor uns lag eine Menschenmasse, einer auf dem anderen, auf dem Boden! Wir hatten lange zu tun, bis wir über die Ruhenden mit unseren Füßen hinweg- kamen. Kreuz und Quer lagen sie da. Hungrige, verzweifelte, blasse Larven! Einmal da, einmal dort schrie einer im Schlafe auf. Endlich hatten wir einen Platz zum Stehen gefunden, von dem wir uns bis zum nächsten Morgen nicht wegrühren konnten. Wir standen kaum, da plagten uns schon die gräßlichen Läuse und Wanzen. Es war furchtbar. Man durfte, um sich einigermaßen der lästigen Tiere zu erwehren, keinen Fuß ruhig stehen lassen. Also war Marsch an Ort und Stelle notwendig.
Rückwärts in der Ecke befand sich ein immer offenstehendes Klosett, das ständig besetzt war. Viele von den Leuten waren ja bereits krank!
Einige Säulen stützten die Decke, dazwischen war eine Schnur gespannt, an der Kleidungsstücke getrocknet wurden. Der graue Steinboden unter unseren Füßen war so bestreut mit Wanzen und allem möglichen Ungeziefer, daß er einem Sandweg glich. Den
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