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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
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winden. Auftönten Baß und Cello, die durch das fließende Them£ i

rumorten. Immer wieder versuchten sie, in den Vordergrund zu

treten und die Sätze der momentan sprechenden Instrumente zu übertönen. Gleich fernem Donnerrollen rangen sich die Läufe aus tiefsten Tiefen zum Licht empor. Sie wollten gehört werden, weil der Gram sie geboren, sie wollten erzählen, weil sie sich als Sprecher

des Innern fühlten. Sie wollten in die Welt der Menschen, an die Wandung der Herzen pochen, um sie zu Öffnen, sie wollten sagen, was der Mund nicht mehr sagen konnte.

Mein Mitwisser und ich wurden am 28. Juni 1941 um 12 Uhr mittags von einem Blockführer in den Bunker abgeführt. Vor dem Eingangstor des Lagers blickten wir, ohne ein Wort zu sagen, zurück und grüßten stumm, die Augen voll Wasser, unsere Liebsten. Was folgen würde, wußten wir: das Schlimmste! Wir hatten uns nur noch im- Flüsterton einige Worte zugesprochen. Sie lauteten:Eisern bleiben bis in den Tod!"

Damit begann das Rennen ums Leben, das man bisher mit Mühe und Findigkeit erhalten hatte.

Kein Mensch konnte ahnen, was weiter geschehen würde, was in den nächsten Sekunden eintreten konnte, da die Willkür der SS unberechenbar war. Hier brach ich zusammen und rief das erste- mal täglich die Hilfe des Himmels an. Die unmöglichsten Vorwürfe machte ich mir, ich verfluchte die Stunde, in der mir dieser Einfall gekommen war, in der ich dem Trieb gehorcht hatte. Einige Tage voll Ungewißheit vergingen.;

Der Hunger stieg. Es war der vierte Tag und noch immer öffnete kein Mensch meinen nachtdunklen Verschlag. Erst'sah es aus, als würden sie mich ohne Vernehmung einfach verhungern lassen. Am fünften Tag wurde das Falltürchen geöffnet und der Bunker- kommandant Zeiß schrie herein:Drecksau, gib deine Eßschale her!

Als ich sie ihm übergeben hatte, wischte er mit seinen schmutzigen Fingern in derselben herum, schimpfte und warf mir, als ich schon fest der Meinung war, jetzt werde ich doch etwas be- kommen, die Schale mit den Worten zurück:Das nennst du Schwein sauber? Der Verschlag war somit für weitere vier Tage ver- schlossen. Ich hatte keinen Zorn, nur Hunger. Er tat derartig weh, daß ich aufweinte und mich einige Stunden nicht trösten konnte. Auch am 6,, 7. und 8. Tag öffnete sich die Tür nicht. Kein Essen, keine Vernehmung!

Am neunten Tag wurde ich zur Vernehmung in die politische Abteilung geführt. Dort wurde ich von einem Gestapobeamten, einem netten älteren Herrn, ruhig und gelassen vernommen. Er schrie mich nicht an, er schlug mich nicht, er erkannte sofort die wahre Sach- lage und meine Aufrichtigkeit und bedauerte nur, daß ich nach diesem Erfolg so schnell um die Früchte meiner Arbeit gekommen war. Nach dieser Vernehmung wurde ich vom Blockführer nicht in

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