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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Bezeichnet man den Katholizismus als eine vor 2000 Jahren modern gewesene Seelenbildung, findet man ihn heute veraltet, wäre es Pflicht des vermeintlich Fortgeschrittenen, die Träger und Vertreter der christlichen Weltanschauung zumindest als Exponen-

ten einer Kultur zu respektieren, die ein unvergängliches Licht in|

eine Welt brachte, die ein Hitler in Finsternis stürzte. Kann man

das nicht, ist man geistig zu schwach, lassen die Überzeugten sich?®|

nicht überzeugen und in die neue Zeit führen, ist das ihre Sache. Was die Apostel des Nationalsozialismus uns zeigten, was sie

mit den Priestern aufführten, läßt sie als Lehrer auf der Kanzel| kei der Unkultur erkennen. Nur weil sie Priester waren, wurden? reis

jene geschlagen und zur schwersten Arbeit herangezogen.

Überall im Freiland, bei grimmigster Kälte, in Sturm und Regen, Mi ob alt oder jung, sie wurden gejagt und gehetzt wie Ratten, dief.

man endlich aufgestöbert hat! Es zeigte sich deutlich die Aus- rottungsabsicht der SS, der deutschen Staatsführung. Wehe, wenn

man einen erwischte, der nur einen Moment sich aufrichtete oder? m

rastete, er war erledigt! Knieend, mit gefalteten Händen, brachen sie, himmelwärts schauend und stumm, dem Jenseits vertrauend, zusammen. Nicht selten kam es vor, daß Priester von Capos, also von Häftlingen, die das Schicksal dem Himmel fluchen gelehrt hatte, mißhandelt und den SS -Knechten ausgeliefert wurden.

Unter den Häftlingen war ein Teil der Überzeugung, daß der Pfaffe die Schuld am Weltelend trage. Viele wieder wollten nur der SS zu Willen sein und schlugen auf dieKuttenträger los, wenn

ein SS-Mann des Weges kam. Wem ging es nicht so? Jeder vonf 4

uns hatte irgend eineSchuld. Der eine, weil er Bibelforscher, alsoNarr, der andere, weil er Pfaffe, alsoSchädling war, der dritte weil er Verstand oder Titel hatte, und der vierte, weil er sich eine andere politische Anschauung erlaubte...

Ecce homo! i

Endlich legte sich der Haß gegen die Priester. Es war direkt_ auffallend! Wir erfuhren aber bald, daß der Vatikan bei der deut- schen Regierung interveniert hatte. Plötzlich bekamen die Priester eine Baracke zugewiesen, die ausgeräumt und in der eine Art Kapelle eingerichtet wurde. Schon früher einmal, es war bald nach der Machtübernahme Hitlers , war in Dachau eine Kapelle gewesen, die aber aufgelassen wurde. Es durfte nun jeden Morgen eine Messe gelesen, diese durfte allerdings nur von Priestern besucht werden. Jedem anderen Häftling war das an Wochentagen streng untersagt.

Blockführer hatten die Aufsicht und kontrollierten genau, ob außer Priestern andere Lagerinsassen den Gottesdienst besuchten. Sie waren wütend, weil sie früher als sonst im Lager erscheinen fi ı, mußten und trieben es daher besonders arg. Sie pfiffen während der] Messe Soldatenlieder und Schlager, gingen zum Altar vor und} assistierten mit lustigen Gesten oder sie schlugen die Andächtigen.

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