den ganzen Tag im Freien bei 30 Grad Kälte Schubkarren führen, Mir ging es sehr oft so. Fror das Wasser am Körper und lehnte man sich wo an oder führte man den Schubkarren, blieben die Hautfetzen kleben. Auf dem Freiland 2, einem an Freiland 1 ange- schlossenen, noch nicht bearbeiteten wilden Gelände, das für den Arbeitskommandochef, Obersturmführer Vogt, nicht besonders gut übersehbar war, da er sonst in solchen Fällen ja eingriff, wurde die größte Menschenjagd eröffnet, die ich bisher erlebte. Dorthin kamen nur Juden, Priester und Häftlinge, die sich nach Meinung der Blockführer etwas hatten zuschulden kommen lassen.
Auf diesem Freiland wurde das Menschenmaterial regelrecht „aufgearbeitet“. Eine Kolonne, die etwa mit Erdarbeiten beschäftigt war, wurde derartig angetrieben, daß die Verzweifelten, Zusammen- brechenden, in Gruppen über die Postenkette in den Tod flüchteten. Menschen, die nicht mehr gehen konnten, krochen auf allen Vieren und wurden durch das Feuer der SS von unsäglicher Pein erlöst, Viele wurden närrisch und fingen, sich auf ihre Schaufeln stützend, an, Vorträge zu halten. So ein junger Mann, der im Wahnsinn in Freiland 2 ein Schachbrett sah, auf dem dem König durch die Pferde schachmatt angesagt wurde. Er torkelte dabei wie ein Schwerbetrunkener und zeigte auf den Kommandoführer, den er anschrie und für den„König “ hielt, während er uns und sich selbst als die Pferde ansah, die dem König schachmatt boten. Darauf kam der Arbeitskommandoführer mit einigen Blockführern, die sich um diesen armen Narren stellten und ihn ein paarmal zu Boden schlugen, weil sie glaubten, daß er nur Komödie spiele. Als sie merkten, daß er wirklich ein Narr sei, zertraten sie seinen Brustkorb, so daß die Rippen durch Fleisch und Haut traten. Er starb unter fürchter- lichsten Qualen und stammelte dabei— immer unverständlicher werdend— die Worte„Schachkönig“ und„Pferd“, bis er für immer einschlief.
Beim Karpfenteich, der eben angelegt wurde und noch sehr wenig Wasser hatte, hielt man Häftlinge mit dem Kopf voraus, während man ihre Beine rückwärts hochhob, so lange ins Wasser, bis sie ertranken. Andere wieder mußten sich in die Pfütze knien, worauf sie von Häftlingen so lange mit Wasser überschüttet wur- den, bis sie erschöpft zusammenbrachen und ertranken. Die Häftlinge mußten diese Henkerarbeit tun, da sie von den Block- führern unter undenklichen Schikanen dazu gezwungen wurden.
Auch der Hunger machte sich überall gräßlich bemerkbar. Zigeuner fanden einen krepierten Hasen, der den ganzen Winter im Freien gelegen hatte. Sie balgten sich um das Aas auf der Erde und als ich sah, daß sie es essen wollten, trieben wir mit Prügeln die Hungernden auseinander. Einige fanden in der Erde Gladiolen- zwiebeln, die sie kurzerhand auffraßen, worauf sie furchtbare Bauchkrämpfe bekamen und starben. Gräser und Blattwerk zählten zu den begehrenswertesten Nahrungsmitteln. Wenn aber einer im
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