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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
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Zubereitung" auch nicht im entferntesten eine Ähnlichkeit mit Schweinefutter auf. Das machte sich natürlich überall bemerkbar. Schon im Februar, als ich noch die Kolonne vom Lager zum Arbeits­kommando führte, ergab sich am Morgen wie am Mittag ein gräßliches Bild. Als Capo hatte ich den Auftrag, jeden Tag 2000 Mann zusammenzustellen. Diese Masse wurde in 20 Hundertschaften unterteilt und jede Hundertschaft hatte einen Untercapo, der seine Leute vor dem Abmarsch in der Zweitausenderkolonne durchzählte. Wenn er am Ende war, fielen in der Mitte oder am Ende inner­halb zehn Minuten rund zwanzig bis dreißig Kameraden um.

Dieser Zustand hatte eine Panik zur Folge. Ich sollte die Kolonne so schnell wie möglich aus den Lagerstraßen führen, wobei sie am Tor von der SS in Gegenwart des Lagerführers nachgezählt wurde. Der Weg zum Tor erforderte rund 100 Schritte. Auf diesem Marsch hatte ich keine 2000, sondern bestenfalls rund 1800 Häft­linge aufzuweisen. Die Blockführer waren daher ungeduldig und schlugen blind in die Reihen, der Lagerführer verabreichte mir einige Ohrfeigen und die Untercapos wurden ebenfalls geprügelt, weil die Kolonne nicht die befohlene Zahl aufwies. So mußten während des Abmarsches ein Capo oder mehrere in der letzten Reihe mar­schieren, gegebenenfalls sofort herausspringen und aus dem Steh­kommando die gelichteten Reihen auffüllen. So kam es auch, daß man Zusammengebrochene einfach aufstellte und wie ausgestopfte Strohpuppen in der Einteilung mitzerrte. Sie lagen dann draußen auf dem Arbeitsplatz herum, bis man wieder einmarschierte.

Draußen auf dem Arbeitsplatz spielten sich ebenfalls die un­möglichsten Szenen ab. So kam es sehr oft vor, das ein Häftling, der am Rand des Feldes mit Arbeiten beschäftigt war, zu einem der dort stehenden Posten gerufen wurde, der ihm die Mütze vom Kopf oder aus der Hand riß, diese über die Postenkette schleuderte und dem Armen befahl, sie zu holen. Der zögerte erst- überhaupt, wenn es ein älterer Häftling war, weil er wußte, was im nächsten Moment geschehen würde. Er wurde dann vom zweiten Posten gezwungen, seine Mütze zu holen, worauf mehrere SS - Leute das Feuer auf ihn eröffneten. Der jüngere Häftling, der das noch nicht kannte, sprang blind hinaus, guten Glaubens, daß das nur ein Spaß sei, wofür er mit seinem Leben bezahlen mußte.

Im Arbeitskommando, das beim Bau beschäftigt war, fing man sich einen Krüppel heraus, dem man in die große Zementmaschine zu kriechen befahl. Man legte ihm sanft drei, vier kopfgroße Steine dazu und ließ die Maschine laufen. Nach nicht langer Zeit waren sämtliche Knochen des Unglücklichen zersplittert und zerschlagen. Für die Blockführer war das eine beliebte Unterhaltung. Für uns war es ein schauerlicher Anblick. Im Winter, wenn man diese Mordmaschine nicht verwenden konnte, erlaubte man sich andere Späße. Man warf Häftlinge kopfüber ins Wasser und ließ sie dann

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