„Verfluchter Schuft,“ dachte ich.„Er also? Nicht ich?” Aber auch da kam langsam ihr Wissen um die Herkunft über die roten Lippen.
Leider war für diesmal die Sprechstunde vorüber. Von neuem, noch mehr als zuvor, jagte und brannte mein Blut. Schwer schleppte ich mich durch die Plantage in mein Atelier. Tränen im Aug’, den Kopf gesenkt. Noch einen Blick warf ich zurück zum Fenster. Wann wird ein Tag die große Feierstunde bringen? Damit sank ich neben meiner Staffelei zusammen...
Mensch, wie du vergißt, wie dein Herz ertrinkt in der Tiefe schöner Augen! Alles Weh versinkt. Du stehst nackt vor dir selbst. Unglücklicher! Welkte dir im Leben nicht schon mancher Rosen- strauch? Erheb’ dich gegen deine Kreatur! Flieh’ zu den Ver- blichenen, frag’ sie, was ihr Geist nach der Entseelung der Leiber sah und entdeckte! Nimm den Spiegel und schau in deine Ver- gangenheit! Du wirst in deinem Spiegelbild unzählige Wunden fin- den, die du jetzt vergessen willst, Verrückter!
Tag und Nacht tönten alle Chöre der Vernunft— ich überhörte sie, weil Gottheit„Liebe‘ mich berauschte. Weil das Gesetz des Ge- schlechtes meinen Geist unterwarf.
Trotz Umzäunung und Tod willst du zeugen? Leben geben? Deines verlängern mit deiner Kraft, deiner Liebe, weil du es enden siehst?! Du sollst es! Gerade da, wo du das Menschliche mit aller Gewalt verneinst, will die Kreatur befreit werden.
Gehälftet bist du, Geschöpf, ohne den dir mitgegebenen Puls- schlag des anderen Geschlechts. Du siehst, es naht das Gewitter—
' und trotzdem gehst du aus!
Ich sah den Schmerz vor meinen Augen sich aufbauen und baute mit. Jeder Blick verriet mir Wärme. Es war nicht nackte Er- barmung, nein, es brannte still ein Flämmchen, das von ihr noch nicht bemerkt wurde, bis es durch die Zeit zur Flamme ward.
So wollte es die Schöpfung, so wollte ich es.
So grübelte ich, so fand ich mich und die Welt. Schwer war mir die Brust und langsam begann Müdigkeit in meinen Händen aufzutreten. Ich spürte den Schlag meines Herzens. Stich auf Stich. Träne um Träne.
Male, Verrückter! Nur nicht müde werden. Lebe! Ein Leben sucht dein Leben, wie du es suchst.
Vergrämt irre ich im Meer der Farben. Ich nage am Pinselstiel, bis er kaum mehr zu verwenden ist. Himmel hilf! Mach’ endlich mein Dasein wieder erträglich!
Wochen vergingen. Das Christkind war in Städten und Landen gewesen. Mich hatte es vergessen. Warum? Alle Leute erzählten einander ihre Feierstunden. Uns war nichts gegönnt? Wir waren die Todgeweihten, Nummern des Friedhofs, Verstoßene. Nicht wert zu atmen. Verfluchte, mit dem Teufel an den Fersen. Warum? Weil wir größer waren als die blinde Menge, der man die Augen verband.
78


