Ach, wie weh das tat!-
Verrückter, male! Bist doch Gefangener mit Nummer und Sarg- stempel! Male, es wird besser sein!...
Nein, und wenn der Teufel vor mir steht!
Jedesmal, wenn dieser Posten kam, erzählte er, daß er sie bereits nach Hause begleitet habe, im Kaffeehaus zum Tanz hole und viel mit ihr plaudere.
Es gab mir jedesmal einen Stich ins Herz. Der Schuft!— Aber meine Stunde mußte noch kommen! Ich fühlte es.
Ich hatte keine Ruhe mehr. Oft weinte ich, oft fluchten meine zitternden Lippen. Liebe Worte hörte ich aus längst verrauschten Tagen, Ortchen und längst verstummte Weisen wurden lebendig.
Kein Pinselstrich mehr, ohne mit dir ein gutes Wort geplaudert zu haben. Du wohnst in meinem Herzen!
Der Hunger schwand, vergessen waren die Tage der Hölle! Ich wollte das Tor zum neuen Leben sprengen.
Herr, gib mir, wonach meine Seele schreit! Nur sie kann ver- gessen lassen... Straf’ mich nimmer weiter, Himmel, entbinde mich von jedem auf mir lastenden Fluch! Nimm hinweg, was mich bedrückt, fang’ auf die heiße Bitte! Ich weiß, o Herr, du geißelst, weil du mich zum Menschen formen willst. Löse mich von meinem bösen Ich...!
Furchtbare Tage lösten einander ab. Draußen kleidete der Winter die Erde in stilles Weiß.
Sterben um mich— und ich will erst zu leben beginnen! In ewigen Welten herrscht das Gesetz: Platz dem Willen, dem, der die Erde bejaht! Die mich zu Boden schmettern wollen, wer sind sie? Ein Nichts, das nicht weiß, daß es Nichts ist.
Stunden, Tage flohen. Immer wieder schlich ich aus meinem Atelier, um sie zu sehen, die so nah, so weit. Nächte grübelte ich. Fast glaubte ich, die Sinne zu verlieren.
Da kam der Tag des heiligen Nikolaus.
Wie dich beschenken, ohne daß jemand es merkt? Wie dir mein Rufen kundtun?
Mein Kamerad, der gute Hans, wußte, daß es ernst um mich stand. Er sah, wie oft ich unwillig den Pinsel fallen ließ und fühlte, was in mir vorging.
„Um dich ist es geschehen, ich seh’ es kommen! Sie werden dich umlegen. Du wirst dich verlaufen! Du hast vergessen, daß wir nicht mehr leben dürfen! Du spürst die Kiste unter deinem Sitzleder nicht mehr!"
Er wies zum qualmenden Kamin des Krematoriums ınd flüsterte mir ins Ohr:„Da oben seh’ ich dich sitzen und als Wolke in deine Heimat ziehn! Das blonde Gift weint dir wohl keine Träne nach, fang’ dich doch wieder. Bleib bei uns, male!“
Ich starrte in die Weite und flüchtete zu meiner Staffelei, denn Tränen standen in meinen Augen.
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