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Turm A ohne Neuigkeit : Erlebnis und Bekenntnis eines Österreichers : ein Komponist, Maler und Schriftsteller schildert das KZ / Anselm J. Grand
Entstehung
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am Anfang dieses Golgathas, an den Stufen dieser schauerlichsten Schädelstätte standen und den Weg noch vor uns hatten, den die anderen längst gegangen waren. Unsere Angst wurde immer größer, die Selbstvorwürfe wurden immer schwerer.Warum bist du nicht schon vom Auto gesprungen? Warum bist du nicht schon da oder dort ausgebrochen? Alle schauerlichen Vorstellungen, die ein Mensch sich in seiner Phantasie ausmalen kann, zogen an uns vorüber. Was half das? Wir waren einmal da und konnten, wenn wir wollten, die Freiheit sofort erreichen. Durch den Tod...!

In einer kleinen Glasveranda, die die Baracken 1 und 2 verband, musizierte ein Zigeunertrio. Der Lärm der Sprechenden übertönte das schauerliche Gewinsel einer Geige, die sich in diesem Elendsgeviert durchzusetzen versuchte. Immer, wenn ein Blockführer anfuhr, sein Rad wegwarf und hereinkam, wünschte er ein Stück zu hören, das - dann in angstvoller Hast heruntergefiedelt wurde. Die SS freute sich darüber, da sie nicht die geringste Ahnung von wirklicher Musik hatte. Sie wollten nur irgend etwas hören und wenn es ihrem Ge- schmack zusagte, war es eben Kunst oder für sie absolute Musik!

Kein Mensch kann sich vorstellen, welch ein Bild das ergab. -Dort Halbtote, Hast und Arbeit, Zusammenbrechende, in kleinen 'Zwischenräumen Schüsse von den Türmen, da Musik um Kranke, die stündlich das Ende erwarteten. Hier ein Seufzender, dort ein Ster- bender! Es war das Ergebnis der Überschwenglichkeit ungeratener Menschen, die wohl gelernt hatten, äußerlich Zucht und Ordnung zu zeigen, denen aber kein Gefühl, keine Seele auf die Welt mitgegeben worden waren. Welcher Mensch kann unter solchen Umständen in solcher Umgebung Musik verlangen? Menschen, denen man ins Gesicht schlägt, die man bespeit und tritt, sollen im nächsten © Moment einen Tanz in der Glasveranda vorführen? Als wir einige Stunden zitternd herumgestanden waren und die höllischen Szenen des Lagerlebens gesehen hatten, erschien vor uns ein Capo, und zwar der des Reviers, namens Heiden Sepp. Er müusterte uns mit lächelnder Miene und verschränkten Armen, als sei überhaupt nichts los, als sei er nie eingesperrt gewesen. Er sah "glänzend aus und sprach sehr wenig. Wir fragten, was nun köommen würde, worauf er schmunzelnd mit einem kleinen Witz antwortete. Als er durch die Reihen ging, kam er auch zu mir und fragte mich nach Namen, Herkunft und Beruf. Ich erklärte ihm, daß ich Musiker sei und am Grazer Konservatorium studiert ‚habe, was ihn besonders freute. Er stellte mir in Aussicht, mich falls ich nicht in die Strafkompanie käme nach Möglichkeit zu unterstützen. Ich könne in meiner Freizeit ab und zu ins Revier kommen und dort die Armen mit meiner Musik erfreuen.

Bald nach ihm kam der Lagerführer, Hauptsturmführer Grüne- wald, der uns bereits am Vortag durch seine Brutalität aufgefallen war. Mit ihm erschienen der Rapportführer und ein noch halber

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