Ich saß nicht lange imKino . Vielleicht eine Stunde, viel- leicht eineinhalb. Dann ertönte hinter meinem Rücken mein Name, zwei Zivilisten, die tschechisch sprachen, nahmen sich meiner an, brachten mich in den Aufzug, führten mich in den vierten Stock und dort in ein geräumiges Lokal, auf dessen Tür die Nummer

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geschrieben war.

Zuerst saß ich dort unter ihrer Aufsicht ganz allein, ganz hinten auf einem einsamen Sessel an der Wand und sah mich mit dem sonderbaren Gefühl eines Menschen um, dem es scheint, daß er das, was er eben erlebt, schon einmal erlebt hat. War ich schon einmal hier? Nein, ich war nicht hier. Und doch kenne ich diesen Raum, es hat mir von ihm geträumt, ein so grausamer, fieberhafter Traum, der ihn verzerrt hat, der ihn abstoßend entstellt hat, aber doch nicht bis zur Unkenntlich- keit verändern konnte. Jetzt ist er freundlich, voll von Tages- licht und hellen Farben, und durch die großen Fenster mit dem leichten Gitter sieht man die Teinkirche und die grüne Letnä und den Hradschin. Im Traum war er düster, ohne Fenster, von schmutziggelbem Licht erhellt, in welchem die Menschen wie Schatten aussahen. Ja, es waren hier Menschen. Jetzt ist der Raum leer und seine sechs Bänke dicht hintereinander bilden eine fröhliche Wiese von Löwenzahn und Hahnenfuß. Im Traum war er voll mit Menschen, sie saßen da auf den Bänken nebeneinander, und ihre Gesichter waren blaß und blutig. Und dort, ganz nahe der Tür, stand ein Mann mit schmerzerfüllten Augen, in blauen Arbeitskleidern, wollte trinken, trinken, und dann fiel er langsam, wie ein Fallschirm, zu Boden...

Ja, so war es, aber ich weiß schon, es war kein Traum. Das Grausame und Fieberhafte das war Wirklichkeit.

Das war in der Nacht meiner Verhaftung und ersten Ver- nehmung. Hierher brachten sie mich vielleicht dreimal, viel- leicht zehnmal, was weiß ich, wenn sie sich ausruhen wollten oder jemand anderen in die Arbeit nahmen. Ich war barfuß,

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