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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
Entstehung
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Pappeln, an deren Stämmen er geduckt entlang schleicht. Der Geist des Dunkels fröstelt in ihren Wipfeln; stille, sacht durchwehte und durchtröpfelte Luft der Nacht. Die Temperatur mag dicht am Nullpunkte sein, die Mitte ungefähr zwischen Frost und Tauwetter.

Im Schatten einer kräftigen Pappel gegenüber dem Eckmast der Umzäunung packt er seinen Guttapercha­Ballen aus der Tasche und umwickelt damit die Füße in aller Sorgsamkeit, hernach auch die Hände, so gut es geht. Die Enden müssen so befestigt werden, daß sich kein störender Lappen ablösen kann. Zugleich achtet er scharf darauf, keine deutliche Spur zu hinterlassen, denn es ist gewiß nicht nötig, daß man den Weg, den er genommen hat, zu früh entdeckt.

Wie er aber die Lagerstraße überqueren will, um den Eckmast anzugehen wie irgendeine Steilwand in den Bergen, da hört sein Ohr, das die Stille ringsum ge­schärft hat, ein leises, flüchtiges Knirschen auf dem Kies der breiten Mittelstraße im gleichen Mo­ment duckt sich Bert auch schon erneut hinter die alte Pappel, die ihn allerdings nur zum Teil verbergen

kann.

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Kruzitürken die Lagerronde kommt bereits. Sie hätte er beinahe vergessen! Es ist der Diensthabende der Lagerpolizei, Bert erkennt deutlich den Scharführer, der auf seinem Fahrrad flink näherkommt, an dem ver­nickelten Brustschild, das im roten Licht der Stark­stromlampe aufleuchtet... es ist zufällig sein früherer Gönner, der ihm einst die baldige Entlassung prophe­zeit hatte.

Ziemlich arglos radelt der blonde Junge heran, pfeift leise eine Schlagermelodie zur Unterhaltung und späht recht oberflächlich nach rechts und links in die Block­gassen hinein. Aber da hier am Beginn der Lagerstraße nur Revierbaracken liegen, verschwendet er auf sie die geringste Aufmerksamkeit. Von den Kranken und Halb­toten wird sich ja niemand aus den Betten wagen. Den tief geduckten Mann im Schatten der Pappel, der sich die schwärzlich umhüllte Hand vor das Gesicht