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herunter nebeneinander auf den Boden. Morgen oder übermorgen gehts mit ihnen frisch und munter sowieso zum Krematorium, also, Sieg Heil'!
Wer noch marschieren kann, trifft in langsamem Zuge ein, von wenigen Posten mehr des Dekorums wegen eskortiert. Wenn ein Filmregisseur etwa den bekannten Rückzug der napoleonischen Armee aus Rußland 1812 darzustellen hätte, also die Trümmer jenes stolzen Heeres, aus dem eine Horde humpelnder, verkrümmter, an Gliedern und Seele verfrorener Invaliden geworden war, dann stände ihm hier geradezu ideales Material zur Verfügung.
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Viele haben einen mehrere Tage langen Transport im ungeheizten Viehwagen als Schwerkranke hinter sich. Es sind sämtlich auf den Tod zusteuernde Leute, vorher haben ihre Quälgeister sie nicht von der Galeere gelassen. Deshalb haben auch so viele schon heimlich das Zeitliche gesegnet. Jetzt stehen sie wieder eine Ewigkeit auf dem leeren Platz herum, vorbeigehende Scharführer und Häftlinge beschauen sie wie wilde Tiere aus einem fremden Zoo. Sie krümmen sich immer mehr zusammen, sie lassen ihre hungrigen Blicke umherlaufen ihre fahlen, eingefallenen Gesichter, die todtraurigen Augen erzählen genug von dem, was sie erflehen; nur Bettruhe, nur Wärme, nur Nahrung gebt uns, nichts weiter... aber sie stehen noch stundenlang im frostigen Sturm ja ,, der Menschheit ganzer Jammer faßt dich an', würde der Dichter hier sagen. Der erste Nackte, der schließlich, als es draußen schon zu dunkeln beginnt, durch all die Stationen hindurch ins Bad kommt, wird an den dicken Reviercapo herangeführt. Es ist ein alter Mann mit völlig kahlem Kopf und verrunzeltem Anlitz, stechenden dunklen Augen und strengem Profil mit hervortretenden Backenknochen... aber es wäre falsch, ihn als, Mann' zu bezeichnen: er ist nichts anderes als ein Skelett mit einer vom Hunger papierdünn über die Knochen gespannten Haut und rasselnden Lungen, die von der Tuberkulose durchlöchert sind....
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