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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
Entstehung
Seite
329
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Bestrahlt, gesalbt, massiert und verbunden setzte sich am nächsten Morgen Bert neben den steuernden Kommissar in den. Wagen. Es war ein regenkühler Tag. Satte, schwere Luft kam zu dem halboffenen Fenster während der Fahrt hinein. Über den grauen Himmel jagten Wolkenscharen wie verstoßene Stiefkinder einher,

Auf Fahrstraßen und Trottoirs von München war wenig Leben zu sehen, wenn man das Vorbeirasseln ewig langer Militärtransporte oder marschierender Kolonnen nicht auch für städtisches Leben erklären will. Sonst nur Frauen und Mädchen, in den absurdesten Ver- kleidungen und Uniformen, doch die weiblichen Formen um so mehr betont... das alte Lied: den Kampf um ihr Geschlechtsleben gibt die Frau nie auf, was immer auch eintreten möge. Sonst trollten sich nur einige dickliche Münchner Bierphilister um die Ecken und trugen ihre Spitzbäuche dem geheiligten Frühschoppen zu

Und doch und doch! sinnierte Bert, wie wäre es dennoch schön, sich dem freien Leben in die Arme werfen zu können ach, alles das wieder zu um- schließen, was uns das Dasein erst lieb und wert und reich macht... aber freilich: dem Behagen ist ja Streit angesagt von seiten der Neuordner Europas , grimmiger Streit unter der Parole: Heroismus statt Kultur, Ka- nonen statt Butter Heil Hitler! Ach, laßt mich zu- frieden, dachte er voll Inbrunst, mit aller Politik und erst recht mit politischen Kriegen... laßt mich vielmehr das Leben wieder von Herzen liebhaben als das heiligste Gut, das uns geschenkt ward, wenn wir es nur in Freiheit verbringen dürfen!

Seht an: ein wenig Grübeln und schon ist der Wagen am Ziel. Er hält vor dem Gartentor des Jordanschen Hauses. Aus dem geöffneten Schlag heraus tönt ein Spitzbubenpfiff nach dem Beginn des alten Kommers- liedes: ‚Alt Heidelberg, du feine.... Ein Pfiff schon genügt und aus dem aufgerissenen Fenster des Erd- geschosses schaut ein Frauenkopf heraus von solcher Ähnlichkeit mit Bert, daß der Kommissar sofort weiß, welcher Obhut er seinen Schützling anvertraut. Er