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Büttel freundschaftlich ins Gesicht, um hinter seinem Rücken das Zeichen des Kreuzes zu machen; genau die gleiche Heuchelei wie in der Freiheit.
Bert saß unter den Stubengefährten vor seinem Block und blätterte in seinem Bibliotheksbuche. Was er sich zu lesen vorgenommen, war eine gute Biographie von Bismarck, verfaßt und in dem vorliegenden Exemplar dem Lager Dachau gestiftet vom Grafen Du MoulinEckardt, ebenfalls einem ehemaligen Häftling, soviel Bert weiß... der Lesestoff an sich hätte ihn demnach sehr wohl fesseln können, wenn sich seine Gedanken nur konzentrieren ließen.
Seit seiner Begegnung mit Iřina hielt ihn aber eine glückhafte Stimmung wie ferne Dämmerung umfangen. War niemand um ihn, so klammerte er sich an den Gedanken seines Zusammentreffens mit ihr fest und frischte jeden kleinsten Vorgang dabei wie ein Labsal auf, jedes einzelne Wort von ihr, jeden Blick, der ihn getroffen hatte....
Aber es ist schon mal so: der Lagerbetrieb haẞt die Idyllen auf das schärfste. Zu einer Stunde, da alles Entspannung und Ruhe sucht, weil die Hundstage im Anmarsch sind, da fiel es dem tückischen Lagerelefanten ein, eines seiner beliebten Schauspiele zu arrangieren.
Wer in den Kommandos, die mit Fleischwaren zu tun hatten, wie Küche, SS.- Kasino, Schweinestall, Metzgerei und andere, beim, Organisieren' von Wurst oder Fleischstücken erwischt wurde, den ließ der 2. Lagerleiter außer der üblichen Strafe auch noch an den Pranger stellen, d. h. durch das ganze Lager zu seiner Schande führen.... Auf dem Schädel trug solch ein Mann aufgeblasene Därme und ein Ochsengehörn, gemeinsam zu einer scheußlichen Kopfzier vereint. Über die Stirn hing ein langer Darm dick aufgeblasen an Nase und Mund vorbei, während ein großes Plakat vorn auf der Brust die weithin sichtbare Aufschrift trug: , Ich bin ein Wurstdieb und erbärmlicher Spitzbube'.
Hinter ihm zog der verhaßte Lagercapo Henschel, einen gehörigen Knüppel schwingend, einher. Er war


