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fällig gewesen wäre. Wer auch nur eine Spur von seelischem Anstand besaß, empörte sich über diesen abstoßenden Zwang.
Was nun folgte, ist besser nicht erst in Worte zu fassen. Erst bei dem fünfunddreißigsten Doppelschlage, also nach siebzig Hieben für jeden bat der Arzt schüchtern um Abbruch der Exekution. Bert dröhnte das entsetzliche Klatschen der Ochsenziemer, die wieder mit der äußersten Kraftentfaltung geschwungen wurden angesichts des gesamten Lagers als Zuschauer- so in den Ohren, daß er mit einer heftigen, physischen Übelkeit zu kämpfen hatte. Und am scheußlichsten war ihm, daß sein Ohr genau heraushörte, wie lange die Schläge noch auf die Körperhaut auftrafen, und von wann ab direkt auf das pure, offene Fleisch. Zu allem hin mußte der Abmarsch seines Blocks noch über die breite Blutlache hinweg erfolgen, die von den Gepeinigten hinterlassen worden war.
Aber es war erstaunlich: von den beiden Zigeunern, obwohl beide gleich klein, schmächtig und ausgedörrt waren, mit Gesichtern wie altes, rissiges Kernleder, zeigte der eine die denkbar festeste Haltung, ließ sich lächelnd anschnallen und brachte es sogar fertig, die Schläge mit lauter Stimme bis zum Schluß mitzuzählen, als wäre es ein anderer, der sie auszuhalten hätte während der zweite schon angstvoll und zittrig dastand, so daß der Lagercapo Henschel ihn aufrecht halten mußte. Bei der Exekution war sein Schreien so herzzerreißend, daß Bert und seine Freunde die Nägel der Finger in ihre Handteller bohren mußten, um nicht die Nerven zu verlieren.
Man sprach beim Abmarsch natürlich über seine Haltung. ,, Laßt den armen Kerl in Ruhe", mahnte Leo. ,, Wenn er auch einem fremden Volke angehört, so ist es dennoch rotes Märtyrerblut, was er hier vergossen hat und das den Zukunftsboden ebensogut düngen wird wie das der anderen, verlaẞt euch darauf!" Und mit verbissenen Zähnen setzte er hinzu: ,, Wehe, wehe den Hunden, die sich daran weiden, solch schwächliche


