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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
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sie. Auch sie hatte während ihres wohl einstündigen Wartens in der Kammer der Ekel gewürgt. Gewiß war sie in puncto Nerven kein Schwächling; aber der pene­trante Leichengeruch in dieser Luft und der Anblick der sich häufenden Särge zerrte doch an ihren Nerven. Zu alledem kam die Ungewißheit, ob die Sache mit dem Zettel klappen werde und nicht im Gegenteil etwa ihr und ihm schaden könnte... ja, zuweilen überfiel sie sogar eine tiefe Hoffnungslosigkeit. Von Minute zu Minute war dergestalt ihre Bedrängnis gewachsen.

So kam es sie wie eine wahre Erlösung an, als Berts Gestalt an der Tür auftauchte und seine Augen sie zu suchen begannen. Noch stärker aber war ihre Freude, an dem Aufleuchten seiner Augen die Beglückung zu erkennen, die ihn ergriff... und dann: seine Haltung war wieder aufrechter, sein Blick hatte gottlob nicht mehr das Erloschene, wie oben in Flossenbürg. Auch die straffen, belebten Züge sprachen erneut von Energie und Selbstbewußtsein... dem Herrgott sei gedankt!

Nun folgte sie willig der vorausgehenden Wittib, die als erfahrene Dachauerin den Trick sicherlich nicht zum ersten Male inszenierte. Bert mußte anerkennen, um wieviel rascher sie sich zu beherrschen verstand als er selbst. Ihm zitterten unverhohlen die Knie. Starr stand er an der Tür und konnte keinen Schritt mehr tun, als ihre Blicke sich begegneten und ineinander tauchten. Das Blut hämmerte ihm wie eine große Glocke in den Schläfen. Viel fehlte nicht, so hätte sein Verhalten und die übergroße Erregung, die ihn im Banne hielt, das gut eingefädelte Spiel verdorben.

Iřina erkannte die Gefahr mit dem Instinkt des Weibes. Um ihn zu beruhigen, lächelte sie etwas an­gestrengt zu ihm herüber, um zugleich ihre aufsteigenden Tränen zu bezwingen.... Aber Max wandte sich um, als er den letzten Sarg abgesetzt hatte, und drehte Bert einfach mit Schwung herum, um ihn in den Arbeits­raum zurückzudrängen. Dabei rief er laut, im Hinblick auf den Scharführer: ,, Na los, Langweiler, schlaf' nicht ein!"