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HILFSCAPO.
Noch war es überaus früh am Tage. Der Morgenatem strich frostig über die Wiesenflächen und spielte in den saftgeschwellten Knospen der Bäume und Sträucher. Alles stand bei ihnen zum Aufbrechen bereit, spät genug in diesem Jahre, als erwarte es nur eines Rufes von allerhöchster Stelle.... Der Morgenhimmel zeigte ein Blau von unbeschreiblich zarter, glasiger Helle. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Das noch indirekte Licht gab den Dingen eine Farbigkeit von fast transparentem Duft. Eine Stunde später erst lugte der oberste Rand der Sonne über den Wolkensaum, der den Horizont umlagerte, rotleuchtend, als tauche die Ersehnte aus einem Meer von Blut empor. Sie war das Fanal für Mensch und Pflanze: Nun gab es kein Halten mehr. Alles dehnte sich wohlbehaglich unter der Lichtflut, die über die Flur ausgeschüttet lag, unter dem Wärmebad, mit dem die Sonne Flächen und Bauten übergoẞ.... Wo eben noch der Reif die Kiesel des Weges bedeckte, die Halme der Wiesen überzog, da schimmerten funkelnde Tropfen wie Edelsteine vom Boden auf. Wo Menschen sich eben noch im Morgenschauer die steifen Hände rieben, da öffneten sie sich bald beim Schaffen die Hemdkragen, steckten ihre kleine, verschwitzte Kappe in die Tasche, um dem Kopfhaar endlich die Wohltat der Lenzsonne zu gönnen.-- Ein großes Aufatmen erfüllte die Brust, als fühlte jeder auf seine Weise einen Bundesgenossen ihm zu Hilfe eilen.
Über den Rasen aber bringt sie das stärkste Wunder: in dessen Einfarbigkeit kommt Leben. Das schlichte Gelbweiß des Maßliebchen, der schwanke Stern der Anemone erschließt sich, die blasse, samtige, zu Boden blickende Primel hebt sich über das zarte, versteckte Veilchen hinaus... ein Teppich des köstlichsten Gewebes der Natur. Er erscheint den entwöhnten Augen Berts so bezaubernd, daß er um jeden Stiefeltritt bangt, dem das lichte Wunder etwa zum Opfer fallen könnte. Zum Glück liegt wenigstens die große Wiese, die ganz


