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freute man sich herzlich. Der gute Junge hatte ja nie jemandem ein Leid getan. Er war in seinem Wesen das, was man in Wien ein ‚Waserl‘ nennt, ein gutmütiger Mensch ohne Fehl und Falsch; er hatte ja auch lediglich mit allen seinen Arbeitskameraden einer Partei ange- hört, die bis dahin nicht einmal verboten war, sondern bis März 1933 viele Sitze im Reichstag hatte... also: was? Was trennt denn seit so vielen Jahren den ge- liebten Sohn vom Vater, der sich zum Sterben vor- bereitet?
Ja, sagte die Gestapo , gewiß nichts, sobald er uns auch einen Gefallen tut, ach, nur einen kleinen: nämlich das nachholt, was wir von ihm seinerzeit vergeblich ver- langt haben.... nur seine zwei, drei Kameraden an uns verrät, die uns von seiner Gruppe noch entgangen sind, mit vollem Namen und Adresse, versteht sich.... Damals lehnte er es strikt ab; heute ist jedoch eine so: günstige Gelegenheit, ihn in die Zange zu nehmen— da wird es endlich klappen! Die innige Liebe zum Vater wird ihn‘weich machen; wir hingegen können endlich mal zeigen, daß wir eines sterbenden Vaters letzten Wunsch erfüllen... also wollen wir dem Schorschl Claus rasch ein paar seelische Daumenschrauben ansetzen!
Und als der Arme unter der Pein dieser Folter stand: entweder zum gemeinen Hund zu werden und seine Kameraden zu verraten, ihnen das gleiche Los wie sich selbst zu bereiten— oder seinen alten Vater, der sehn- lichst nach ihm verlangte, nie mehr wiederzusehen, ihn im Glauben zu lassen, er kümmere sich nicht um ihn, verzichte darauf, seine Augen zuzudrücken... als er dann gegen den Referenten losbrach wie ein gereiztes Tier, das in die Enge getrieben wurde, da verschärfte dieser noch die Schraube mit der Miene eines Tartüffe: „Schämen Sie sich nicht, ein so schlechter Sohn zu sein, Claus? Regt es Sie so wenig auf, daß ihr alter Vater sich nach ihnen verzehrt, wie uns berichtet wurde— wie kann man nur solch ein Unmensch sein?“
Ein schneidendes Lachen entfuhr dem Armen, als er jetzt in der Zelle das Geschehen im Verhörzimmer wieder


