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Jetzt löste Bert den Prinzen ab und ging zuerst an Franzis Bett, des lieben Menschen, der seine höchste Sorge war. Das Fieber versengte förmlich den schmalen Körper. In dem schönen Jungenantlitz mit dem sonst so übermütigen Lachen, das die blitzenden Zähne durch- blicken ließ, waren die Backenknochen spitz und fahl geworden. Es trug jetzt einen so bitter wissenden Ernst zur Schau, daß Bert sich die Tränen verbeißen mußte.
Der Kranke bemerkte es. In seine Augen trat ein
‚flackernder Glanz und ein unsagbar körperloses Lächeln
begann um seine Lippen zu spielen. Mit den wenigen Kräften, die ihm die Seuche noch gelassen hatte, richtete er sich auf... der fieberglühende Körper verbreitete geradezu eine dampfende Luftwelle um sich, die Bert heiß entgegenschlug.
Er wollte sprechen, fiel aber sofort wieder in schwere, stumme Mattigkeit. Nur aus seinem Blick, die Hände des Freundes umklammernd, sprach die eine Frage voll tiefster Lebenssorge, jene am schwersten zu beant- wortende Frage: Muß ich sterben?
Stumm schüttelte Bert den Kopf. Dann sammelte er alle Zärtlichkeit seines Herzens und sprach mit einer vom Weh zerbrochenen Stimme würgend: ‚‚Niemals mußt du das, Franzl, wir geben dich ja gar nicht her, wir allesamt nicht!“
Wieder ging vor seinen Augen ein blühendes Menschen- leben zu Ende, wenn nicht noch ein Wunder geschah... Sage keiner, daß zur gleichen Zeit an den Fronten Tau- sende noch. weit Schlimmeres zu erleiden hätten. Das sind Kämpfer, die sich wehren konnten, und die der Tod im Nu überrascht. Aber ein solches Verrecken im Sklavenjoch ist das Erbärmlichste, was es gibt.
Ein flüchtiges Lächeln blühte um die Mundwinkel des Kranken auf. Die weit geöffneten Augen füllten sich mit dem Schimmer der Dankbarkeit. Der schmale Kopf versank wieder in den Kissen... was sollen hier noch Worte, wenn das Leben schon an den Toren der großen Ewigkeit anklopft. Sind Liebe und Tod nicht eigentlich Geschwister, hat Nietzsche gefragt?


