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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
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der stillen Nacht eine Träne Gottes, die zu Boden fällt, sagt der Volksmund dazu.

Unwillkürlich falteten sich die Hände des Schauenden als er so für ein paar Minuten Luft schöpfte.... Die Welt ist so zeitlos und unbegrenzt in solcher Nacht. Der Vergleich irgendeines witzigen Kopfes fiel ihm ein, der behauptet hatte: das Leben gliche einer Luntenschnur, die zu einem Sprengkörper führe, welcher Tod hieße. Als du wurdest, Mensch, ist die Lunte am freien Ende angebrannt worden. Soweit die Vergangenheit reicht, ist sie schon zu Asche verbrannt; der noch unverbrannte Rest ist deine Zukunft. Und die Gegenwart ist jener Flammpunkt, der an der Schnur fortfressend weiter­huscht....

Die Blocktür blieb offen; vom Tale her klang über das Lager hinweg, das wie ausgestorben lag, der Schlag der Turmuhr herauf, die zwölfmal ausholte, vermischt mit dem treuherzigen Geläut der Glocken- gottlob, gottlob, daß es ein Ende hat, dies Jahr der Enttäuschung und der Miẞhandlung- gottlob!! Über dem neuen Jahr liegt ja immerhin noch der Hoffnungsschimmer, daß es besser werde, Frieden bringe ach, wie weise vom Schöpfer, dem Irdischen den Blick in seine Werkstatt zu verweigern.

Hohenberg kam in seiner leisen Weise zu Bert und sagte nur, wortkarg wie immer: ,, Ich weiß kein schöneres Gebet in solcher Stunde als das, womit die altindischen Schauspiele schlossen: Mögen alle lebenden Wesen von Schmerzen frei bleiben!' Du wirst nicht anders denken, Oberst!"

Die beiden Hilfspfleger drückten sich die Hand. Das war ihr ganzer Neujahrsglückwunsch.

Sie konnten ja auch nicht einen Augenblick länger verweilen. Die Patienten drinnen, die zum Teil nur noch auf Händen und Füßen zum Abort kriechen konnten, fühlten, wie wenig sich das Leid um ein neu angebroche­nes Jahr kümmert; wie der Tod unentwegt seine knochige Hand ihnen entgegenstreckte was nützen da des Menschen selbstgesetzte Zeittermine?

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