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Amokläufer : Roman / A. W. Conrady
Entstehung
Seite
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den Gesang des alten Lieds vom Tannenbaum stiefelte der Blockführer herein, aber diesmal nicht, um brüllend Ohrfeigen auszuteilen, sondern um eine ganz große' Erlaubnis zu erteilen, nämlich im Wohnraum und am Tische zu rauchen. Und zum Überfluß ließ er noch zwei neue Zeitungen zurück.

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Hallo das war das beste von allem! Was ist doch der Mensch für ein merkwürdiges Wesen: eben noch bis zum Allerletzten erschöpft und willens, die Abberufung vom Dasein als Gnade hinzunehmen, aber gleich darauf sich vergrabend in die Lektüre, um geistig wenigstens teilzuhaben am Tun dieser wirren Welt, mochte sein Informator auch nur das sogenannte, Reichswitzblatt' sein, der ,, Völkische Beobachter".

Welche Annehmlichkeit war es, auf seinem Schemel stramm gesättigt zu hocken und sich die selbstgedrehte Zigarette am Lichterbäumchen anzustecken, eine nach der anderen, gemächlich fast wie ein Vollmensch... zu allemhin war auch noch Bettfreiheit angesetzt, das heißt: beliebiges Schlafengehen. Und deshalb blieb auch alles auf, schürte den eisernen Ofen, las in der Zeitung oder lauschte den Erzählungen anderer- endlich mal etwas Licht in der Nacht ihres so freudelosen Alltags.

Auch die beiden Feiertage blieben frei von Arbeit außer den notwendigen Verrichtungen, die aber diesmal Grüne' strafweise zu übernehmen hatten. Und noch einmal stellte sich ein Extraessen zur Freude der Häft­linge ein, wobei Leo sich zu der Warnung verstieg: ,, Aber vergeßt nicht, wenn es euch je wieder mal besser oder ganz gut ergehen sollte im Leben, daß trocken Brot eine der größten Delikatessen ist wir haben es erfahren, nicht wahr?!"

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DIE SEUCHE.

Noch ahnte freilich niemand im ganzen Lager, weder Häftlinge noch Leitung, welch große Wendung in den Verhältnissen gleich nach diesen Schlendertagen ein­treten sollte.