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liches, lebenerhaltendes Labsal die armselige Kohlsuppe mit Kartoffelstücken herunterlöffeln... nun sollten sie, mit zufallenden Augenlidern, noch an ihre Lieben schreiben, etwas, wonach sie sich doch seit langen Wochen gesehnt hatten.
Bert war fertig mit seinem Brief, ließ den Umschlag offen, wie es die Vorschrift verlangte, ebenso die Marke nur lose angeklebt, damit nicht etwa unter sie noch geheime Mitteilungen geschrieben sein könnten... da sah er Stillfried an, der neben ihm saß und bemerkte, daß dieser scharf auf einen Tischgefährten blickte, dessen Kopf wie in Schlaftrunkenheit immer tiefer sank....
Der Kamerad war ein ältlicher, vergrämter Mann, von Beruf Universitätsprofessor, dem menschlichen Eindruck nach wohl ein etwas verstaubtes Kathederlicht. Die Härte der Arbeit, die Unbill der Witterung in solch abnorm rauher Gegend und besonders die Rüdigkeit der Behandlung hatten bereits seine Kräfte bis auf ein Minimum aufgezehrt. Ab und zu griff er sich an den armen, weißgrauen Kopf. Dabei flogen seine müden Blicke umher wie verirrte Vögel. Die Hände lagen ausgestreckt auf dem Tisch, zwischen ihnen das Briefblatt. ,, Paß auf", flüsterte Stillfried zu Bert ,,, ich fürchte, er stirbt uns am Tisch...." ,, Aber nein", zweifelte
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Bert. ,, Sieh hin: eine Träne nach der andern tropft über seine Wangen na also, hast du schon mal einen
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Sterbenden weinen sehn?"
,, O ja", nickte der Freund. ,, Aber warten wir's nur ab! Für ihn tun können wir ohnehin nichts, verhaẞt wie wir beide unserem Blockteufel sind...
"
Nach einer weiteren Viertelstunde bestand kein Zweifel mehr, wer von beiden recht hatte. Über das Gesicht des Professors, der noch immer in der gleichen Stellung am Tische saß, ging ein drohendes Zucken. Zur gleichen Zeit durchlief seinen Körper ein lang anhaltendes Zittern. Die trüben Augen erstarrten im Todeskampf. Dann sank die Stirn allmählich schlaff vornüber, und das Kinn vergrub sich in der einfallenden Brust.
Mit ein paar schnellen Schritten war Bert bei ihm.


