ich meine Pelzjacke auf die Steinfliesen des Wartesaals, richtete den Sack als Kopfkissen und forderte den frierenden Usbeken auf, sich mit unter meine Decke zu legen. Das war alles ganz selbstverständlich.
Durchfroren und verschlafen stiegen wir am nächsten Morgen in den Zug. Wir sprachen nicht mehr. Die freudige Erregung des Vortages war gewichen, und wir waren wieder stumpfsinnige, hungrige, zerlumpte Häftlinge.
*
Im Sammelpunkt Karaganda hatte sich nichts verändert. Das gleiche Bild wie damals bei meiner Einlieferung. Ganz selbstverständlich ging ich in die große Frauenbaracke, die voll mit Hunderten von Zugängen war. Als ein alter Lagerinsasse wurde ich gleich mit Fragen überhäuft, und als man hörte, daß ich eine„ Njemka" sei, teilten sie mir mit, daß es noch eine Deutsche hier gäbe, und man führte mich zu ihr. Auf den Brettern in der zweiten Etage lag eine bleiche Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, sie begrüßte mich freudig: ,, Grete, wo kommst du denn her?" Ich hatte keine Ahnung, wer sie sein könnte. Es war Klara Vater, die Frau des bekannten deutschen Kommunisten Kreuzburg. Wir hatten uns einige Male in Moskau gesehen, damals war sie eine blühende, gesunde, derbe Frau. Zwei Jahre Untersuchungshaft hatten sie völlig ruiniert. Klara Vater wartete schon seit einigen Wochen auf ihren Weitertransport in einen Rayonabschnitt. Alle Häftlinge, die mit ihr zusammen nach Sibirien transportiert worden waren, waren schon weitergeschickt worden, außerdem hatte man ihren Namen gesondert aufgerufen, mit der Bemerkung, sie müsse im Sammelpunkt bleiben. Sie fand keine Erklärung für diese Absonderung. Nun war zwei Tage vor meiner Ankunft eine Russin in die Frauenbaracke gekommen, die bereits dreieinhalb Jahre Lager hinter sich hatte. Sie war die Frau des deutschen Komponisten Fon und durch diese Ehe Reichsdeutsche. Beim Verlesen der Namen wurden Frau Fon und Klara Vater gesondert aufgerufen, also hatten sie sichtlich ein gemeinsames Schicksal. Beide nahmen mich freundlich zwischen sich auf die Bretter, und wir grübelten gemeinsam darüber nach, was nun kommen mochte. Frau Fon war Lagerhäftling von Kopf bis Fuß. Sie kam von irgendeinem fernen, mir dem Namen nach unbekannten Rayonabschnitt. Auch sie war zwei Tage bis zum Sammelpunkt gereist. Das Lager Karaganda schien wahrhaftig die Ausdehnung eines europäischen Landes zu haben. Sie berichtete, daß es ihr in der letzten Zeit etwas besser ergangen sei, sie hatte nämlich in einer Küche gearbeitet. Ansehen aber konnte man ihr davon nichts. Sie mochte vierzig Jahre alt sein, ging gebeugt vor Magerkeit, ihre Augen waren völlig erloschen und das Gesicht teilnahmslos, wie geistesabwesend. Sie sagte immer wieder: ,, Warum hat man mich nur nicht auf meinem guten Posten gelassen? Wer weiß, wo sie mich jetzt wieder hinschleppen. Es ist so schwer, sich irgendwo als Neue wieder durchzusetzen. abuse donn gu 15860 ig
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