Geleit bis zur Wachstube, und viele, viele gute Wünsche schallten mir nach, als ich mit meinem Bündel durch den Schnee davonstapfte.

Auf dem Korridor der Hauptverwaltung hockten wir uns auf unsere Säcke nieder. Drei alte Männer saßen schon da, die auf einen Invaliden- abschnitt gebracht wurden. Wir warteten Stunden um Stunden. Es war gegen 10 Uhr, als die Tür aufging und Stefanie Brun auf den Korridor trat.Greta, ich mußte dich noch einmal sehen, dir Lebewohl sagen, flüsterte sie aufgeregt.Steffi, du hast es gewagt, nach Lagerschluß aus der Baracke zu gehen! Mir liefen die Tränen herunter, als ich ihr armes, verhärmtes Gesicht küßte.Geh nur schnell zurück, daß dich keiner erwischt!Vergiß mich nicht, schluchzte sie, als ich sie voller Angst zur Tür hinausdrängte.

13. TRANSPORT NACH MOSKAU

Gegen 11 Uhr wurden unsere Namen verlesen, und mit lachendem, vom Frost gerötetem Gesicht trat der kasakische Bewachungssoldat in den Korridor, um uns abzuholen. Es war derselbe Soldat, der damals für uns nach Sharik geritten war, um Brot und Zucker zu holen und der von allen Häftlingen geliebt wurde.

Vor der Tür stand ein niedriger sibirischer Holzschlitten, mit zwei Pferdchen bespannt. Wir legten uns der Länge nach darauf, und hinten auf den Kufen stand der kasakische Posten. Dann ging eine tolle Fahrt los durch die sibirische Winternacht, über uns die in der Kälte funkeln- den Sterne. Es war eine Nacht mit vielen Sternschnuppen, und wenn eine fiel, riefen wir auf dem Schlitten:Domoj! Domoj!(nach Hause!), unser aller heißester Wunsch. Die Pferde rannten im Galopp, und wir mußten unseren Posten an der Hand halten, damit er nicht herunterfiel. Mit vor Kälte zerbissenen Gesichtern und klammen Händen und Füßen kamen wir auf dem Bahnhof Sharik an. Im Wartesaal war die erste Frage an unseren Kasaken:Dürfen wir uns am Büfett Tee und Brot kaufen? Aber selbstverständlich. Dann saßen wir am Fußboden und schlürften aus richtigen Gläsern richtigen Tee, und der junge Usbeke begann, mir aus seiner Heimat zu erzählen. Von seiner Frau, die er schon mit vier- zehn Jahren geheiratet hatte, von seinen beiden Kindern. Beschrieb mir genau die Reise, die er machen wird, wenn er nun frei kommt. In der dämmerigen Beleuchtung des Warteraums schien er mir mit seiner oliv- farbenen Haut und den schrägen, mandelförmigen Augen einem persischen Prinzen aus dem Märchen zu gleichen. Unter das kleine Stehbündchen seiner Lederjacke hatte er sich irgendein weißes Tuch gebunden. Und das stand ihm so gut zu Gesicht. Er hatte beim Abschied aus Burma alles, was er besaß, an seine Mithäftlinge verschenkt, sogar die Walinki, die hohen Filzstiefel, und sich zerrissene Halbschuhe dafür eingetauscht. Unser Zug nach Karaganda ging erst am nächsten Morgen. Da breitete

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